Mittwoch, 28. Juni 2017

Güte Väter, schlechte Väter



Sind Väter mit Vollzeitjob automatisch abwesende Väter? Das möchte ich aus Erfahrung vehement verneinen.

Immer wieder taucht die Frage auf: Muss ein Vater seine Stellenprozente reduzieren, um ein guter Vater zu sein? Die heutigen Diskurse unter Freunden, in den Medien und der Politik scheinen sie mit «Ja» zu beantworten. Mindestens ein «Papitag» (unsägliches Wort!) müsse sein, um eine gute Vater-Kind-Beziehung aufzubauen.

Als Tochter eines viel reisenden Geschäftsmannes (Mama war bis ich 13 war Hausfrau) in den 80igern, muss ich da entschieden widersprechen. Einen «Papitag» gab es nicht, mein Vater war manchmal 2 Wochen am Stück verreist und auch sonst nur abends und am Wochenende zu Hause. Unsere Beziehung über die Jahre? Spitze! Ich war und bin eine Papitochter und daran haben seine vielen Abwesenheiten nichts geändert. Denn wenn er da war, war er da. Für mich, für die Familie. Wir unternahmen viel, redeten noch mehr und er hat mich in jeder Hinsicht sehr geprägt. Als Vater, als Mann, als Vorbild.

Nun, für mich als Mutter sieht die Sache natürlich etwas anders aus. Denn ich habe schlicht keine Lust, den gesamten Haushalt und die Organisation inklusive Kinderbetreuung alleine zu stemmen. Deshalb wäre eine Teilzeitstelle meines Mannes sehr willkommen. Hat es auch schon gegeben in den 13 Jahren die wir Eltern sind. Wie auch Arbeitslosigkeit, Selbständigkeit und Vollzeit-Job. Wir hatten schon so ziemlich jedes Modell. Ich Hausfrau, er 100% Job. Er Teilzeit, ich Teilzeit. Er Hausmann, ich 100% Job. Heute arbeite ich 80-90%, er 100% mit mindestens einem Tag Home Office. Ist zur Zeit perfekt. Als Eltern muss man bekanntlich flexibel bleiben...

Das Argument der Mütter ist ja oft, dass Papa eben auch mal sehen soll, was der Alltag mit Kindern bedeutet. Für die Kinder kochen («Hani nöd gäärn!»), putzen, Wäsche waschen, Kindergeburtstag organisieren undundund. Aber es gibt keinen Grund, dass ein Vollzeit arbeitender Vater nicht auch mal abends eine Wäsche anwirft, auf dem Heimweg einkauft oder der Kindergeburtstag an einem Samstag stattfindet.

Das Problem ist unsere Schweizer Einstellung zum Begriff «Alltag». Denn, was heisst genau Alltag? In der Schweiz: Die Kinder kommen mittags nach Hause, jemand bekocht sie und je nach Alter sollen sie bitteschön nachmittags auch noch bespasst werden. Eltern-Alltag in der Schweiz.

Anderswo ist Alltag eben nicht = zu Hause sein. Alltag in Frankreich bspw. bedeutet: Kids in der Schule oder Kita, Eltern bei der Arbeit. Man sieht sich zum Frühstück (wenn das geht) und abends beim Abendessen wieder. Und natürlich am Wochenende. Haben nun all diese Kinder eine schlechte Beziehung zu Vater UND Mutter? Wohl kaum.

Obwohl ich das andere Unwort im Zusammenhang mit Elternschaft, nämlich «Quality-Time» gerne vermieden hätte, komme ich nicht drum rum, es hier zu verwenden. Denn wir (wie auch mein Vater damals), geniessen die Freizeit mit den Kids. Beim Frühstück, Abendessen, Freunde besuchen, Badi, Ausflüge, Reisen, gaanz viele Reisen... Der Alltag bewegt sich bei uns zwischen Schule, Tagesschule, Nonna (unsere Stütze in so vielen Bereichen), Jobs und zu Hause. Aber letzteres bestimmt den Alltag keineswegs alleine. Entsprechend haben unsere Kinder diverse Bezugspersonen und sind nicht auf uns fixiert. Und schon gar nicht auf mich.

Mein Fazit: Wer kann und will, soll unbedingt Teilzeit arbeiten (egal ob Mütter oder Väter), wenn das die einzige Möglichkeit scheint, Alltag mit den Kids zu haben. Aber, liebe Eltern (und eben nicht nur Väter), wenn das nicht geht, weil der Chef nicht will oder es der Job nicht erlaubt: Macht euch keinen Kopf! Ihr seid für eure Kinder dennoch gute Eltern! Sofern ihr euch dann eben in der Freizeit auch wirklich mal mit ihnen beschäftigt und euch die Aufgaben mit euren Partnern teilt. Ich spreche heute noch fast täglich mit meinem Vater und das, obwohl er am anderen Ende der Welt lebt. Oder anders gesagt: Es kommt alles gut.

Dieser Text erschien erstmals auf wireltern.ch


Montag, 26. Juni 2017

Im Auto mit Kindern: Experten-Tipps für stundenlangen Spielspass



„Wie beschäftige ich die Kinder auf dem Autorücksitz?“, „Wie komme ich gegen das ‘Wann sind wir endlich da?’ an?” Mittels einer Facebook-Umfrage hat das Team von "Snapkiz" bei den wahren Expertinnen, reiseerprobten Mamis, nachgefragt und die praktischsten Tipps und Ideen zur Kinderbeschäftigung im Auto für euch gesammelt. Diese garantieren stundenlangen Spielspass für die Kinder und eine entspanntere Autofahrt für die Eltern.

Da so viele interessante Ideen und Tipps eingegangen sind, entstehen daraus drei Beiträge jeweils zu einem Thema. Im ersten Beitrag geht es ums Organisieren und Packen.

Gut organisiert ist halb gewonnen…

Gemeinsam packen
Bereits die richtige Vorbereitung vor der Abfahrt hilft, dass der Spielspass während der Autofahrt länger anhält. Ist das Falsche gepackt, kommt rasch Langeweile auf oder es entsteht das Verlangen nach genau dem Spielzeugauto, das diesmal nicht dabei ist.

Am Besten beziehen die Eltern Kinder aktiv in die Reisevorbereitungen ein und nehmen sich die Zeit, gemeinsam eine kleine Tasche mit Spielsachen für unterwegs zu packen. Diese bietet meist Platz für ein paar kleine Sachen, so dass sich Kinder beschränken müssen. Damit sind Kinder jedoch nicht zum Verzichten gezwungen, sondern können selbst eine aktive Wahl treffen.

Sonntag, 25. Juni 2017

Slow Family? Chill's mal!



«Slow» irgendwas, wo man hinschaut. Ein Buch will uns das Rezept für die «Slow Family» geben. Wieso das Quatsch ist.

«Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern». Doch doch, ihr habt richtig gelesen.Da steht «einfach» und «Kinder» im selben Satz. «Slow Family» nennt sich der neue Stern am Erziehungsratgeberhimmel. Die Autorinnen propagieren darin die Entdeckung der Langsamkeit im Alltag, die familiäre Entschleunigung. «Slow» klingt immer gut. Entspannt, easy-peasy, nach wenig Aufwand und in der heutigen stressigen Zeit auch durchaus vernünftig. Doch kann man als Familie überhaupt «slow» leben?

Ich musste letzten Sommer schon schmunzeln, als in der NZZ ein Artikel zu «Slow Travel» erschienDarin beschrieb die Autorin, wie sie versucht hatte, möglichst ohne Druck und Stress eine Familienreise zu organisieren und anzutreten. Es ist ihr nur mässig gelungen. Was als idyllische Reise ohne konkretem Ziel begann, endet so: «Wir haben keine Ahnung, wo es schön ist (weil wir keinen Reiseführer gelesen haben). Das Auto gleicht einer neapolitanischen Müllhalde, die Lebensmittel in der Kühlbox sind verdorben, und wir wollen nichts sehnlicher als ankommen. Doch es scheint wie verhext, die einen Campingplätze, die hier Auto-Camp heissen, sind voll. Die anderen haben keinen Schatten oder sind an der Schnellstrasse. Obwohl wir während der ganzen Reise keine Stunden oder Kilometer gemessen haben, rechneten wir, bei der Abfahrt in Italien am frühen Morgen, mit nicht mehr als einer Fahrt von drei Stunden. Am Ende fahren wir bis zum Abend in der Gegend umher.» Klingt nicht sonderlich entspannt, finde ich.

Beim Lesen dieses Artikels und beim Durchblättern von «Slow Family» (nicht dieselben Autorinnen) frage ich mich immer wieder: Wozu? Wozu sich vornehmen, es langsam anzugehen? Um dann dennoch nach einem Fahrplan einen auf «Slow» zu machen? Ist es nicht genauso stressig, wenn man unbedingt möglichst wenig machen soll? Möglichst wenig Gepäck mitnehmen, möglichst achtsam leben, möglichst unkompliziert kochen – aber bitte bio und «slow» - und natürlich die Kinder möglichst wenig unter Druck setzen, dafür aber «Zauber» in ihr Leben bringen? Was ist daran entschleunigend?
Wir werden als Familie oft gefragt, wie wir das gemacht hätten, dass wir bspw. am Wochenende seit einigen Jahren schon ausschlafen und sich die Kids selber beschäftigen. Oder wie das geht, dass beide Kinder gerne am Strand rumliegen und lesen. Auch gehören wir zu den Vielreisenden, die jedes Mal sehr viel weniger von einem Land sehen, als andere, die täglich Kilometer auf sich nehmen, um das GANZE Land zu sehen. Wieso das so ist? Seit «Slow Family» habe ich mir das überlegt und komme zu einem ziemlich ernüchternden Schluss: Weil wir faul sind. Sooo faul. Als Familie, als Reisende, als Köche.

Bei uns scheint alles so unkompliziert, weil wir keine Lust auf Anstrengung haben. Weder beim Reisen, noch beim Kochen und schon gar nicht in der Erziehung. Seit Social Media scheint es mir nämlich noch frappanter: Während andere Familien am Wochenende in die Berge, Vergnügungs- und Aquaparks der Schweiz fahren, liegt die Familie Sassine im Garten rum. Wenn die Kids genug davon haben, gehen sie raus und spielen mit anderen Kindern (sofern diese nicht in den Bergen, Vergnügungs- oder Aquapark sind). Das Höchste der Gefühle ist ein wenig Gartenarbeit oder sonst etwas, das es zu flicken oder zu erledigen gibt. Manchmal raffen wir uns sogar dazu auf, mit den Kids Karten zu spielen. Bis sich diese sicher wieder auf den Liegestuhl legen wollen. Velotouren oder Wanderungen gibt es bei uns auch, aber das gehört zu den seltenen Ausflügen. So ist es für unsere Kinder schon ein riesiges Highlight wenn wir zu Freunden fahren, die einen Pool haben.
Ob ich ein schlechtes Gewissen habe? Ja, manchmal. Andere Kinder unternehmen viel mehr. Wir kompensieren das in den Ferien (wofür hat man denn ein Reisebüro?) und sind dann öfter unterwegs. Aber auch da: Während andere in zwei Wochen alles, jede Sehenswürdigkeit, jeden Fun-Park und jeden Strand erkunden, bereisen wir gerade mal einen Bruchteil eines Landes. Und kommen zurück nach Hause mit Lust auf mehr.
Mein Fazit? Faul sein macht aus einer Familie eine «Slow Familie».Ausserdem spart es Geld und Nerven. Ob ich ein Buch darüber schreiben werde? Nein, dazu bin ich eben auch zu faul.
Buch «Slow Family – Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern». Julia Dibbern, Nicola Schmidt: Slow Family. Beltz, 2017. Ca. 23 Fr.

Dieser Artikel erschien erstmals auf wireltern.ch

Sonntag, 18. Juni 2017

Dicke sind hässlich!



Wenn kindliche Vorbilder – wie Trickfilme – dieses Image verbreiten, haben wir ein Problem.

Nein, ich lebe nicht auf dem Mond. Auch mir ist aufgefallen, dass in unserer westlichen Welt mit ein paar wenigen Ausnahmen die Gleichung gilt «dünn=schön». Bis heute habe ich die Medien und Modehäuser dafür verantwortlich gemacht. Wenn ein Klatschmagazin Promis mit nackten Beinen mit der Schlagzeile «Die Dellen-Queens» zeigt, sind wir auf einem Tiefpunkt angelangt, bei dem ich im Moment echt nicht weiss, wie wir wieder hochkommen sollen.

Im Zeitalter des modernen Feminismus und der Plus-Size-Models, in dem Frauen tun und lassen sollen, was sie wollen, sind solche Aussagen unter aller Sau. Ich will und kann meinen Körper so haben wie ich will und ja, Inside kann mich mal. Von solchen Käseblättern erwarten wir schliesslich nicht mehr, sowas verkauft sich vielleicht sogar.

Für alle, die keine molligen Kinder haben (und denen es ev. deshalb noch nicht aufgefallen ist): Dicke wurden schon immer in Filmen, Büchern, Serien etc. als entweder dümmlich oder fies dargestellt. Sie sind der Bully der Schule oder die Hässliche, die nicht zu den It-Girls passt. Als halbwegs schlankes Kind ist mir das damals nie aufgefallen. Seit ich eine Tochter habe, die runder als der Durchschnitt ist, fühlt es sich jedes Mal an wie eine Ohrfeige. Der Blick meiner Tochter zerreisst mich jedes Mal, denn offenbar darf sie sich nicht mit der hübschen Blondine – meist die Heldin – identifizieren, sondern mit der doofen Dicken. Tut sie gottseidank nicht, da sie (noch) ein gesundes Selbstbewusstsein hat. Dennoch gibt es immer diesen Moment, wenn ihr die Diskrepanz zwischen den Charakteren auffällt und sie das manchmal auch laut bemerkt. «Immer sind die Dicken die Doofen». Da können wir uns noch lange Mühe geben, um unsere Kinder frei von Druck in Bezug auf ihren Körper zu erziehen: Hollywood-Komödien machen alles kaputt.
Wir sind alle verschieden und das ist gut so. Weiss, braun, schwarz, blond, rot, braun, gross, klein, dick, dünn, anständig, weniger… Alles ok. Und als ich das neue Schneewittchen zum ersten Mal sah, habe ich mich schon gefreut. Das Produktions-Team bei CGI macht einen Film, der zeigt, dass auch kleine runde Frauen Heldinnen sein können. Doch obwohl sich diese Produktion «Diversität» auf die Fahne schreibt, senden Werbung und Trailer gleichzeitig eine himmeltraurige Botschaft: «Dicke sind hässlich bzw. können nur innen schön sein.» «Red Shoes and seven Dwarfs». In diesem neuen Streich gibt es zwei Versionen von Schneewittchen, eine grosse schlanke und eine kleine, dickere. Soweit, so gut, mal was anderes. Doch was sich das Marketing-Team dabei überlegt hat, als sie auf den Plakaten den Zusatz erfanden «Was wäre, wenn Schneewittchen nicht mehr so schön und die Zwerge nicht so klein wären?», ist mir dann eben schleierhaft. «Nicht so gross, nicht so bemutternd, nicht so naiv.» Alles o.k. Nicht so schön? In einem Kinderfilm? 2017? Meh…
Die sozialen Medien liessen natürlich nicht lange mit Kritik auf sich warten: Das fragten sich ebenfalls viele Kommentatoren – darunter das Plus-Size-Model Tess Holliday - , warum es in irgendeiner Form okay sein sollte, Kindern zu vermitteln, dass dick = hässlich ist.
Gute Frage! Doch nicht nur die Plakate, noch schlimmer ist der erste Trailer zum Film. Darin verstecken sich die Zwerge unter dem Bett und Schneewittchen beim Ausziehen beobachten (im Ernst? Voyeurismus ist ja so witzig!) und dann angeekelt schockiert schauen, als sich diese in die mollige Version verwandelt (die natürlich rülpst, denn Dicke sind eklig). Wieviel hier falsch gelaufen ist, ist kaum auszuhalten. Gewicht als ausschlaggebender Faktor für Schönheit. Grossartig! Und so innovativ!
Ich kenne das verantwortliche Marketing-Team nicht. Meines Erachtens haben diese Menschen jedoch keine übergewichtigen Kinder, sonst wäre ihnen die Grausamkeit aufgefallen. Aber das gilt wohl für alle, die «anders» sind. Ich weiss nun nicht, wie das sein wird, diesen Film mit meiner Tochter zu schauen. Falls sie das überhaupt will. Sie fühlt sich nämlich (noch) nicht hässlich. Ist sie ja auch nicht. Im Gegenteil!

Dieser Text erschien erstmals auf wireltern.ch

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