Freitag, 5. Dezember 2008

Denk- und Babypause

Ihr habt's vielleicht geahnt. rabenmutter.ch liegt seit fast einem Monat brach, denn das Tagebuch einer Schwangeren hat ein Ende gefunden. Die Schwangere ist nämlich nicht mehr schwanger! Ein wunderbares kleines, gesundes Mädchen ist aus den neun Monaten Gefühlschaos hervorgegangen.

Und deshalb legen wir zur Zeit nicht nur eine Baby- sondern auch eine Denkpause ein. Freut euch auf's neue Jahr, wenn's mit rabenmutter.ch wieder richtig losgeht. Und bis dahin wünscht mir gute Nächte und Nerven...

Euch wünsche ich auf jeden Fall frohe Festtage und bis bald!


Sonntag, 9. November 2008

Die ewigen Jagdgründe

Glück und Unglück in der Ehe liegen oft nur einen Seitensprung auseinander. Und untreu, sagt die Statistik, sind meist die Männer. Warum tun sie das? Und wie? Unser Autor befragte seine Freunde über sexuelle Abenteuer ausserhalb ihrer Beziehung.

Als ich das erste Mal von Untreue hörte, sass ich neben meinem Vater im Auto. Es war ein Samstag, und wir hatten mit dem Auto Leerflaschen weggebracht, etwas, das ich sehr gern mit meinem Vater tat. Wir sassen schon eine Zeit lang schweigend nebeneinander, als mein Vater plötzlich zu mir sagte: «Du sollst wissen, dass ich deine Mutter nie betrogen habe.» «Äh... okay», sagte ich. Dann legte er eine TKKG-Kassette ins Autoradio, und ich lernte, dass Männer wenig miteinander sprechen. Kurz darauf verliess er meine Mutter für eine andere Frau. Ich war neun Jahre alt.

Jahre später erzählte ich meiner Schwester von der Autofahrt. Sie meinte sofort, dies sei der Beweis dafür, dass er schon früher fremdgegangen war. Es sei sein schlechtes Gewissen gewesen, das da aus ihm gesprochen hätte. Aber ich war mir sicher, dass sie Unrecht hatte. Es war wohl eher so, dass mein Vater in dieser ausweglosen Situation versuchte, vor sich selber seine Würde zu retten. Er wollte, dass ich ihm bestätigte, dass er nicht völlig wertlos war. Okay, das klingt wie der Quatsch auf der Rückseite einer DVD-Box, aber manchmal sind die Sünden, die wir nicht begangen haben wollen, das Einzige, an das wir uns halten können. Wir klammern uns an das, was wir uns selbst vormachen.

Über Treue und Untreue habe ich seither eigentlich nur mit Frauen gesprochen. Die herrlich verruchten Sexgespräche unter Männern? Sie sterben aus, sobald die Männer in festen Händen sind. Dafür wird in der Wissenschaft eifrig über männliche Untreue geforscht. Zum Warmwerden gleich eine unangenehme statistische Erkenntnis: Rund 55 Prozent aller verheirateten Männer gehen fremd oder ziehen es in Erwägung (und übrigens erwarten fast 100 Prozent aller Ehemänner sexuelle Treue von ihrer Partnerin). So weit die Zahlen, aber warum geht die Hälfte der Männer fremd - und warum tut es die andere nicht?

Ich schrieb E-Mails an zwölf verheiratete oder in einer festen Beziehung lebende Freunde, mit der Frage, ob sie mit mir über das Fremdgehen sprechen würden. Bei der Hälfte von ihnen wusste ich von ausserehelichen Aktivitäten. Einer sagte sofort begeistert zu, drei zögerten und willigten nur ein unter der Bedingung, anonym bleiben zu dürfen, drei weigerten sich, einer sagte zu und dann wieder ab und dann wieder zu, vier meldeten sich überhaupt nicht.

In den nächsten Wochen traf ich also fünf Freunde an unauffälligen Orten zu halbkonspirativen Gesprächen oder interviewte sie am Telefon. Einer stand während des fast einstündigen Gesprächs in Unterwäsche auf seinem Balkon - aus Sorge, seine Frau würde etwas mitbekommen.

Als Erstes sprach ich mit einem notorischen Fremdgänger. W. ist ein robuster 34-jähriger Mann, der auf eine Art gut aussieht, wie Filmschauspieler aus den Fünfzigerjahren auf Fotos gut aussehen. Gutes Haar, schöne Augen und eine schamlose Nonchalance im Umgang mit Frauen. Wir kennen uns seit der Schule. Er vögelte schon Frauen, als wir noch Ritter spielten. Wir wollten alle so sein wie W.

Heute arbeitet er in leitender Position in einer Werbeagentur, «14-Stunden-Tage». Seit vier Jahren ist er verheiratet. Seine Frau beschreibt er als «gut, aber anstrengend». Ich kenne sie. Sie ist klug und selbstbewusst und, sagen wir es so, ihr Hirn ist grösser als ihr Busen. Anfangs waren sie sehr verliebt. Probierten sich aus. Gehörten zusammen. Gehörten einander. Und irgendwann ging er fremd. Ein halbes Jahr nach der Hochzeit lernte er Alexandra, die neue Volontärin, kennen. Sie war jung und unverschämt und konnte trinken wie ein Mann. Nach einem der vielen Apéros brachte er sie im Taxi nach Hause. Sie knutschten herum, der Beginn einer Affäre.

Die späten Arbeitsstunden, die Geschäftsreisen - seine Frau war das gewohnt. Falls sie einen Verdacht hatte - sie äusserte ihn nie. Nach einigen Wochen offenbarte Alexandra ihre Gefühle. Dann tat W. das, was man, wie er sagt, in solchen Fällen tun muss: Er lud Alexandra zum Nachtessen ein. Ein gutes Restaurant, gedämpftes Licht, livrierte Kellner - und erklärte ihr, dass er nie seine Frau verlassen würde. Später hatte W. eine weitere Affäre, nichts Ernstes. Natürlich hatte er Gewissensbisse, aber, sagt W., beim Fremdgehen ginge es ihm nur um Sex beziehungsweise um den fehlenden Sex. «Anfangs schliefen meine Frau und ich mehrmals die Woche miteinander, aber mit der Zeit wurde es zu einem Riesenaufwand, sie rumzukriegen, unser Sex wurde immer seltener. Aber ich bin ein Mann, alle zwei Wochen ist mir zu wenig.» W. behauptet, er würde seine Partnerin und die Beziehung schonen, indem er nicht so viel von ihr erwarte, sondern stattdessen woanders Befriedigung suche. Er habe halt «das Fremdgeh-Gen».

Für Sexualtherapeutinnen wie Simone Plüss aus Basel ist W.s Verhalten recht typisch: «Es geht meistens für Männer nicht darum, dass die Ehefrau nicht die Richtige ist, sondern dass sie so anstrengend, fordernd für den Mann ist und dass er sich neben ihr nicht genug Raum nehmen kann. Die meisten Männer haben bereits als Bub erfahren, dass sie mit ihren Bedürfnissen und Handlungsimpulsen nicht akzeptiert werden. Sie leben als erwachsene Männer das Kindermuster weiter, indem sie sich einfach hintenrum nehmen, was sie nicht artikulieren können.» Ein befreundeter Therapeut, dem ich W.s Verhalten schilderte, geht noch weiter: «Vielleicht fühlt sich W. seiner Ehefrau gegenüber unterlegen, fühlt sich von ihr dominiert oder eingeengt. Er ist aber offensichtlich nicht bereit, sich dagegen aufzulehnen. Lieber nimmt er die Verhältnisse so hin, wie sie sind, und entwickelt im Stillen eine Wut gegen sie. Mit der Zeit staut sich dann der Wunsch auf, wieder einmal der zu sein, der wichtig ist für eine Frau, der er seine Bedürfnisse mitteilen kann. All dies bietet ihm seine Affäre.» Häufig, so sagen beide Therapeuten, suchen untreue Männer keinen «exotischen Kick», sondern eine «harmlosere Variante der Ehefrau»: Sie ist meist kleiner, weiblicher, von geringerem Bildungsstand, liebevoller und an ihnen interessierter als die Ehefrau.

So viel zur psychologischen Einschätzung, aber was ist mit W.s perfekter Ausrede aller Seitenspringer, dem Fremdgeh-Gen? Sexualtherapeutin Plüss winkt ab: «Ein überhöhter sexueller Antrieb ist meiner Erfahrung nach selten die Ursache für Untreue. Der Glaube, Männer müssten fremdgehen, liegt eher in der Sozialisation begründet. Das Männerbild, das auch schon Jugendlichen vermittelt wird, ist: Der Mann ist triebhaft.»

Die jüngere Wissenschaft widerspricht Simone Plüss. Die Argumente greifen auf Erkenntnisse der Evolutionspsychologie zurück, einer seit 15 Jahren hochpopulären Disziplin, nach der der Sexualtrieb genetisch programmiert ist. Schwedische Forscher haben diesen Sommer das Fremdgeh-Gen bei vier von zehn Männern entdeckt, ein weiteres Argument für die weit verbreitete These «Wir können halt nicht anders». Einer der Wortführer der Evolutionspsychologie, David Buss, Professor für Psychologie, erklärt die Untreue der Männer so: Ein Mann, der mit fünfzig Frauen schläft, hinterlässt mehr Nachkommen als ein Mann, der bloss mit einer Frau schläft. Und im Kopf habe dieses Erbe der Steinzeit sämtliche Beziehungsmuster und Verhütungsfortschritte bis in die Jetztzeit überdauert. Kritik erhält die Evolutionspsychologie aus der feministischen Ecke: Melissa Hines, Psychologin und Autorin («Brain Gender»), schreibt: «Im Gehirn der Geschlechter gibt es Unterschiede. Aber zu behaupten, dass all unsere Klischees von Männern und Frauen auf Biologie beruhen, ist falsch.» Denn die genaue Wechselwirkung zwischen Sozialisation und Biologie konnte bisher nicht entschlüsselt werden. Wie viel ist Erziehung, wie viel ist genetisch bestimmt? Auch kritische Evolutionspsychologen sagen: Wir wissen es nicht. Sie gehen davon aus, dass Gene und Gehirn zwar Träger von Dispositionen sind, aber was daraus entsteht, wird mitbestimmt durch frühkindliche und lebenslange Prägung.

Wenn es also das Fremdgeh-Gen gibt, heisst das noch lange nicht, dass sein Träger tatsächlich fremdgeht. Und wenn man einen Mann ohne dieses Gen erwischt, garantiert das noch keine lebenslange Treue.

Mein Freund J. (38, jener, der während unseres Telefonats in Unterwäsche auf dem Balkon stand), ist das Gegenteil von W.: treu bis unter die Kopfhaut. Er ist Human Resource Manager, gross gewachsen, sportlich, verheiratet seit fünf Jahren, aktiver Vater dreier Kinder - keine Ahnung, wie er das alles schafft -, ein Traumschwiegersohn an der Grenze zum Spiesser. Obwohl er manchmal gern mehr Sex hätte, betrügt er seine Frau nicht, weil er «zeitlich nicht dazu kommt», wie er halb scherzend anmerkte, und weil er die Vorstellung nicht ertragen kann, dass seine Familie daran zerbricht. Nach einigem Nachdenken fügt er hinzu: «Und wer weiss, ob ich überhaupt eine bessere Frau fände.»

J.s Situation entspricht ziemlich genau der Faustregel, die sich auch aus den einschlägigen Studien destillieren lässt: Paare mit Kindern sind weniger glücklich, haben weniger Sex, bleiben aber länger zusammen. Etwas erschrocken stellte ich fest, dass J. nicht aus Liebe zu seiner Frau treu war, sondern aus Sorge um sein Kleinfamilienidyll. Dabei träumt J., wie eigentlich alle meiner Informanten, von einer perfekten Welt, in der es absolut normal wäre, ausserhalb der Beziehung Sex zu haben und sagen zu dürfen, dass das nichts zu bedeuten hat.

J. fand eines Abends nach viel Bier ein Bild, mit dem er seine langjährige Treue zu illustrieren versuchte. «Die Ehe ist ein Spiel», sagte er, «die Regel ist: Man spielt es zuzweit. Natürlich wäre es spannender mit mehreren Mitspielern, aber du hältst dich an die Regeln, weil du sonst nicht mitspielen darfst.»

Den Grund, warum Männer diese Regeln gern brechen würden, erklärt J. sich damit, dass bei Frauen mit zunehmender Dauer der Beziehung die Lust abnimmt. Jedenfalls habe ihm seine Frau mal gesagt, dass keine ihrer Freundinnen mehr grosses Interesse an Sex hätte. Laut Therapeutin Simone Plüss wird die Frage nach der «Koitusfrequenz» vor allem für Paare mit Kindern wichtig: «Dass Eltern ihr romantisches Liebesideal der Realität anpassen und es weniger erotische Kontakte gibt, heisst noch nicht, dass mit der Beziehung etwas nicht stimmt.» Während die durchschnittliche «Koitusfrequenz» bei 66 Mal pro Jahr liegt, gilt eine Beziehung mit weniger als zehnmal jährlich als «sexlos». Solche Beziehungen hält Simone Plüss oft für problematisch: Bei diesen Paaren drohe der gemeinsame Alltag zum blossen Arbeitsplatz zu verkommen. Um dem entgegenzuwirken, empfiehlt die Therapeutin Paaren mit Kindern, mindestens alle zwei Wochen Sex zu haben. Andererseits: Ist es nicht so, dass man oft Lust aufeinander hat, aber im Gefecht des Alltags den Sex nicht immer umsetzen kann? Warum zählt man, wie oft man Sex hat, und nicht, wie oft man Lust aufeinander hat?

Bei meinen Freunden brachte die Frage nach dem «Wie oft?» folgendes Ergebnis: «Zweimal die Woche», antwortete K., seit vier Jahren in einer Beziehung. Er ist damit der Spitzenreiter - und einer der untreuen Ehemänner. J., der liebende Familienvater, bildete mit «alle zwei Monate» das Schlusslicht. Die restlichen Männer gaben an, alle zwei Wochen Sex mit ihren Frauen zu haben, zwei von ihnen sind de facto untreu.

In einer Umfrage wurden Männer befragt, was sie am stärksten in ihrer sexuellen Beziehung vermissten. Die meisten Nennungen erhielt: Spannung. Anders als ich vermutet hatte, klagten auch meine Männer nicht über zu wenig Sex, sondern über zu wenig spannenden Sex. Aber wie soll man auch für einander spannend bleiben, wenn man sich immer mal wieder zähneputzend auf dem Klo begegnet?

Dazu schrieb die holländische Schriftstellerin Connie Palmen einmal sinngemäss: Jemanden haben wollen ist spannend. Jemanden haben wollen, der einen mal will und mal nicht, ist spannend. Jemanden haben, der einem das Gefühl vermittelt, man sei es nicht wert, jemanden zu haben, ist spannend. Spannung ist das Wesen einer unglücklichen Liebe. Muss in eine Liebe unbedingt Spannung gebracht werden, liegt sie in den letzten Zügen.

Der Grund abnehmender sexueller Leidenschaft muss also nicht unbedingt zunehmende Vertrautheit sein. Obwohl es noch keine verlässlichen Studien gibt, vermuten Sexologen eine der Ursachen auf einem ganz anderen Gebiet: dem grassierenden Pornografiekonsum der Männer, der ihre Lust auf die Partnerin schmälere. Meine Männer - vier von fünf bekannten sich zu Pornokonsum mit Masturbation - bestätigten das. «Es hinterlässt ein Gefühl der Leere und Unlust auf realen Sex mit der Partnerin», sagte einer. Ein anderer bemerkte, der Kick mit den Bildern sei so etwas wie harmloses Fremdgehen.

Ist Pornokonsum bereits Untreue? Anders gefragt: Ab wann beginnt Untreue? Die meisten erklärten, bei Küssen sei die Grenze überschritten. Gleichzeitig ist es wohl unbestritten, dass schon das Lachen der eigenen Frau am Ohr eines anderen schlimmer schmerzt als ein Bandscheibenvorfall.

Ich stehe mit K. (35, «zweimal die Woche Sex») am Bellevue. Wir schauen den knapp bekleideten Gymnasiastinnen hinterher. K. ist Architekt, seit vier Jahren in einer festen Beziehung. Vorher war er mit einer Frau zusammen, bei der er nie sicher war, ob sie am nächsten Morgen noch neben ihm liegen würde. Seine neue Freundin schaut höchstens Kindern nach. K. kann sich nicht vorstellen, dass sie ihn betrügen würde. Und auch er sei ihr nicht untreu. Eigentlich. Nach einigem Zögern berichtet er dann von seiner Art des Fremdgehens: Da er seine Freundin liebe und die Beziehung nicht gefährden wolle, besuche er Prostituierte. Es sei der sicherste Weg, um sexuelle Erleichterung zu bekommen, ohne das Risiko, sich zu verlieben. Er nennt es «das kleine Geheimnis zwischen dem letzten Bier und dem Nachhauseweg». Der Kick der Strasse, ein wenig exotisch, ein wenig fremd, «wie koreanisch essen gehen». Danach habe er wieder Lust auf die Innigkeit mit seiner Freundin. Und kein schlechtes Gewissen.

Mal ganz unabhängig von der moralischen Wertung: Ist das Untreue?

Nein, sagten die Männer.

Ja, sagten Sexologen. Wir sind untreu, sobald wir das Gefühl haben, etwas vor unserem Partner verheimlichen zu müssen. Man müsse nicht jedes Vergehen beichten, gerade in Verbindung mit Alkohol könne es zu Seitensprüngen kommen, die nichts zu bedeuten haben. Aber sobald man regelmässig etwas nachgeht, das man glaubt verheimlichen zu müssen, hintergehe man den Partner.

Es ist die Gretchenfrage des Fremdgehens: Lügen oder Beichten? Meine Männer waren sich einig: «Auf keinen Fall gestehen!» Ich fragte auch W., den notorischen Fremdgeher, ob er seiner Frau schon einmal etwas gestanden hätte. W. lächelte, liess den Espresso-Satz in der Tasse kreisen, trank den letzten Schluck und sagte: «Willst du wissen, wie man fremdgeht?» Ich nickte verlegen. W. beugte sich vor und verriet mir seine Regeln des sicheren Fremdgehens:

1. Die Frau darf sich nicht in dich verlieben. Suche dir Frauen aus, die gebunden sind und die eine Affäre wollen, um ihre Ehe zu retten.
2. Erzähle deiner Frau nichts von der anderen Frau. Also keine Notlügen über eine freundschaftliche Beziehung zu deiner neuen Arbeitskollegin.
3. Leugne. Ehrlichkeit führt nur zu Verletzungen, Gefühlschaos und Rachegefühlen. Natürlich wird deine Frau instinktiv spüren, dass etwas nicht stimmt, aber auch sie hat ihre Lebenslügen. Zum Beispiel, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Also muss sie sich ihre Geschichte zurechtlegen, um zu überleben. Sie wird für dich lügen.

Wer unbehelligt fremdgehen will, muss also bereit sein, etwas dafür zu tun, vor allem zu lügen. Er muss sich wichtige Geschäftsessen nach Büroschluss ausdenken und Fortbildungsseminare, am besten im Ausland, erfinden. Er muss gesendete SMS löschen, E-Mail-Programme mit Passwörtern versehen (und sich diese merken!), und er muss, wenn er doch erwischt wird - das ist keine Regel, sondern ein Gesetz - eisern weiterlügen, während sich der Abgrund unter ihm auftut. Ein grosser Aufwand. Wie einen Job ausüben und sich zeitgleich für einen neuen bewerben.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum 45 Prozent der Männer nicht fremdgehen. Es entspricht der Vermutung einiger Sexologen, dass manche Männer schlicht zu träge sind, um die Mühen des Fremdgehens auf sich zu nehmen, andere wiederum gern fremdgehen würden, aber keine Frau finden. P. (41) gehört in diese Gruppe. Der zweifache Familienvater, der einen glücklichen Eindruck macht, bestätigte, was in keiner Statistik Eingang findet, weil selbst bei anonymen Umfragen kein Mann sich dazu bekennen möchte: Er würde gern mal fremdgehen, aber er findet keine Frau. «Ich bin keine zwanzig mehr, ich stehe nicht betrunken an einer Bar und spreche zehn Frauen an, in der Hoffnung, dass eine mitkommt», erzählt P. mit etwas gedämpfter Stimme von seinem Dilemma.

Es ist aber gar nicht sicher, ob die Hälfte aller Männer fremdgeht. Ein Forscher des Kinsey-Instituts für Sexualforschung schrieb mir: «Männer sind bei keinem Thema unaufrichtiger, als wenn es um die sexuelle Treue geht.» Nach seiner Erfahrung prahlen Männer bei Erhebungen damit, dass sie fremdgehen, obwohl sie tatsächlich treu wie Schosshunde bei ihren Frauchen sitzen.

Allerdings möchte ja auch keine Frau einen Ehemann, der treu ist, weil er zu müde ist zum Fremdgehen oder keine andere abkriegt. Der Schriftsteller Markus Werner hat einen interessanten Gedanken dazu formuliert. Sinngemäss schreibt er: Wir denken, dass zur wahren Liebe eine natürliche Treue gehört. Sobald man untreu wird, war es keine grosse Liebe. Aber verhält es sich nicht mit der Treue wie mit dem Mut? Wer sich nie in Gefahr begibt, dessen Mut bleibt ungeprüft und unbewährt und also unverwirklicht. Folgt man Markus Werners Gedankengang, so müsste also die Treue, um echt zu sein, von der Versuchung heimgesucht werden. Nur die geprüfte Treue zeichnet die wahre Liebe aus.

Der Treueschwur in der Ehe ist eine Erfindung des Christentums, also fragte ich einen befreundeten reformierten Pfarrer, wie er sich männliche Untreue erkläre. Für ihn ist Fremdgehen Ausdruck von Unzufriedenheit in der Beziehung. Vermutlich, so der Pfarrer, habe die Person noch nicht die Richtige gefunden. Aber woran erkennt man die Richtige? «Wenn du die folgenden beiden Fragen mit Ja beantwortest: Kannst du dir deine Frau als die Mutter deiner Kinder vorstellen? Magst du dich selbst, wenn du mit ihr bist?» Am gleichen Abend stellte ich meiner Männergruppe per E-Mail diese zwei Fragen. Bis auf einen antworteten alle Männer Ja auf die erste und Nein auf die zweite Frage.

Zuerst war ich schockiert, aber als ich mit ihnen darüber sprach, verstand ich: Was die Männer meinten, war nicht, dass sie unglücklich sind, sondern dass sie alle hoffen, eigentlich irgendwie anders sein zu können; zuverlässiger, spektakulärer, grossartiger, einfach besser. Sie waren es leid, von ihren Frauen zu hören, was sie wieder vergessen oder nicht beachtet hatten. Manche (W., der Fremdgeher!) waren sich selbst leid, ihre Frauen nicht so zu lieben, wie diese es verdient hätten.

Der jüngste meiner befragten Männer, U. (29), hatte als Einziger mit Ja auf die Frage geantwortet, ob er sich selbst in der Gegenwart seiner Frau möge. U. sieht jünger aus, als er ist. Er sieht gut aus. Er sieht aus, als ob er schon mehr erlebt hätte als ich und auch noch mehr vor sich hat. U. hat auch einen radikal anderen Umgang mit der Treue. Er bevorzugt die offene Beziehung, die Polyamorie. Was häufig für die Lebensform unzivilisierter Dschungelbewohner gehalten wird, hat in der Sexualforschung einen anerkannten Platz bekommen: Das Kinsey-Institut geht seit längerem der Frage nach, ob Polyamorie nicht die klügere Beziehungsvariante ist.

Polyamorie - nicht zu verwechseln mit Polygamie, der Vielehe - ist die Idee einer Gemeinschaft von freiliebenden Paaren in verschiedenen Konstellationen. Zwei Männer mit einer Frau, zwei Frauen mit einem Mann, Doppelpaare - im Unterschied zur «offenen Ehe» ist Polyamorie keine Spielart der Zweierbeziehung, sondern der Versuch, eine Intimität zu schaffen, die auf gegenseitigem Respekt gründet und frei ist von Besessenheit, Bedürftigkeit und Besitzanspruch der Verliebtheit. U. findet, das sei die ideale Lösung. Das einzige Problem: Seine Beziehung zerbrach gerade daran. Seine langjährige Freundin begegnete seiner Offenheit und Ehrlichkeit in Bezug auf Untreue anfangs mit grosser Neugierde. Als sie ihre eigene Exklusivität bedroht sah, ging sie selbst fremd. U. störte es nicht im Geringsten. «Unsere beste Zeit hatten wir, als wir zeitweise in einer Dreiecksbeziehung mit einem anderen Mann waren. Da gab es plötzlich diese romantischen Normen der perfekten Zweierbeziehung nicht mehr.» Am Ende war es seine Freundin, die es dann nicht mehr ertrug, nicht die Einzige in seinem Leben zu sein.

Wenn eine Ehe an der Untreue des Partners zerbricht, heisst esschnell: Das ist nur Ausdruck von etwas anderem, da war irgendwas nicht mehr gut in der Beziehung. Aber vielleicht, überlegt U. laut, vielleicht war ja alles gut, es war aber auch ein verdammt guter Moment, um mit jemand anderem zu schlafen? Treue ist nur ein anderes Wort für Exklusivität, sagt U., was würde schon passieren, wenn wir das Treueideal aufbrächen? Die meisten würden wohl weiterhin in Zweierbeziehungen leben, heiraten und treu sein. Aber es gäbe eine Nische, die vielleicht interessanter wäre.

Ist es wirklich so einfach? Ich konfrontiere die Sexualtherapeutin Simone Plüss mit dem Fall: «Ich würde mit Blick auf sein Alter von einer Phase der Persönlichkeitsentwicklung sprechen. Die meisten Männer entwickeln ab 35 eine grosse Sehnsucht nach einer festen Partnerin oder einem festen Partner. Das Verhalten von U. ist also Ausdruck seiner derzeitigen sexuellen Ausrichtung und auf keinen Fall neurotisch», sagt sie. «Aber es kann Schwierigkeiten geben, eine Partnerin zu finden, die ähnlich tickt.»

Bei einem der letzten konspirativen Treffen sass ich mit U. in einer Beiz. Es war spät geworden. Ich war ratlos. In den letzten Wochen hatte ich vor allem erfahren, dass Männer viel reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Dass manche fremdgehen, ohne es nötig zu haben, und andere treu bleiben, obwohl sie längst ihre Frau verlassen haben. Mehr als alles andere, was ich in den letzten Wochen über Untreue erfahren hatte, faszinierte mich aber die fehlende Eifersucht von U. Sie schien mir wie der lang verborgene Schlüssel zu einem komplexen Rätsel. Aber wie macht er das? U. antwortete mit einer Gegenfrage: Wann bist du eifersüchtig? Ich erzählte von meinem schlimmsten Eifersuchtsanfall: Vor acht Jahren liebte ich jemanden. Sie liebte mich. Dann hörte sie auf, mich zu lieben. Dann liebte sie mich wieder. Dann liebte sie jemand anderen, dann uns beide, dann nur mich und dann nur noch ihn. Es machte mich verrückt. Wir waren nicht gleich alt. Sie sagte, das sei ein Vorteil für mich: Du hast noch so viel vor dir. Ich sagte: Ja, so viel Leid. Als die Dame aus meinem Leben verschwand, nahm sie meinen Verstand mit. Schloss ich meine Augen, sah ich sie vor mir, wie einen Film, der sich über der Netzhaut bildet und somit den Blick auf die Wirklichkeit verbaut. Nachts träumte ich von ihr. Ich träumte, dass sie neue Liebhaber hatte, bessere Liebhaber. Ich war so eifersüchtig, dass ich alle Männer, die vor mir mit dieser Frau geschlafen hatten, umbringen wollte, und die, mit denen sie nach mir schlafen würde, auch gleich.

U. hatte ruhig zugehört. «Eifersucht ist das egoistischste aller Gefühle, es handelt immer nur von dir selbst, nie vom anderen», sagte er. Ich nickte. «Und Treue», fuhrt U. fort, «Treue ist der grosse Bruder der Eifersucht.» Was U. meinte: Treue scheint auf den ersten Blick als ein erhabenes, zutiefst erstrebenswertes Gefühl. Aber der Treueschwur in einer Partnerschaft entspringt der Furcht, dass das, was ist, sich ändern könnte. Es ist die Betonmischung für das momentane Glücksgefühl der Liebe. Und vielleicht ihr Grabstein.

Mikael Krogerus ist Redaktor beim «NZZ Folio».

Erschienen in der annabelle 20/08
Text: Mikael Krogerus

Dienstag, 4. November 2008

Baby-Tagebuch: Vorsicht! Schwangerschaft!

Das Leben als Schwangere hat seine schönen Seiten. Jeder will dir helfen, du darfst nicht mehr schwer tragen und sobald man den Bauch auch sieht – was bei mir bereits im dritten Monat der Fall ist – hält dir die halbe Welt die Tür auf und lächelt dich nett an. Doch gibt es auch Schattenseiten.


Das Schöne überwiegt zwar, doch stelle ich eine gewisse Bevormundung fest, der ich nichts abgewinnen kann. So gelte ich im Erlebnispark als AHV-Rentnerin und die allgemeine Sorge um meine Gesundheit, namentlich, was ich essen und trinken darf, ist schwer zu ertragen, auch wenn es lieb gemeint ist (vor allem, wenn mir die Sorgetragenden gänzlich unbekannt sind). Ich würde nämlich trotz Schwangerschaft im Restaurant gerne mal ein Gläschen mittrinken. Doch da werde ich dauernd ungefragt darauf aufmerksam gemacht, dass ich schwanger bin (als ob ich das vergessen könnte). Tadelnde Blicke und indiskrete Fragen vom Nebentisch nehmen parallel zu meinem Bauchumfang zu.

Ganz interessant wird es mit der Sorge um mich bei mir nahestehenden Personen: meine Mutter und meine Grossmutter, beide ursprünglich Sizilianerinnen. Gemäss ihren Anweisungen darf ich NICHT

- in mein Gesicht fassen, wenn ich Gelüste nach was Essbarem habe. Das Baby kriegt sonst an der Stelle einen Weinfleck (wie Gorbatschov).
- mich nach oben strecken, der Fötus fällt sonst vorzeitig raus (Klar, das hört man doch ständig!).
- eine Halskette tragen, sonst wickelt sich mein Nachwuchs die Nabelschnur um den Hals und erstickt daran (Den Zusammenhang konnten sie mir noch nicht ganz erklären).

Was ich mit diesen Vorsichtsmassnahmen anfangen kann? Erraten! Nichts!

Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, seine Spezies zu schützen. Und deshalb werde ich mir heute eine kleine Virgin Mary genehmigen. Prost!

Text: Nathalie Sassine

Erschienen im wir eltern Nr. 11/08

Montag, 3. November 2008

Hey Stapipapi

Bänz Friedlis offener Brief an Zürichs Bald-Ex-Stadtpräsidenten.

Herr Ledergerber, lieber! Respekt. «Vom Stapi zum Papi», das ist der coolste Rücktrittsgrund, den ich je gehört habe. (Für Nichtzürcher: Unser Stadtpräsident tritt vorzeitig zurück, damit er sich vollzeitlich um seinen Sohn kümmern könne.) An jenem Nachmittag hatte ich gerade Hans und seinen Freund, den Aurel, in den Kletterkurs begleitet und mir in der Cafeteria der Kletterhalle eine Schale bestellt, als ich aus einem entfernten Lautsprecher Nachrichtenfetzen vernahm: «Rücktritt …», «völlig überraschend …», «… «Elmar Lederger… – mehr Zeit für seinen Sohn …»

Zunächst denke ich, ich spinne, frage meine Frau per SMS, ob sie Genaueres wisse, schon werweissen wir, was mit Ihrem Sohn wohl nicht stimme. Schwer krank? Drogen? Gravierend muss es sein, dass es den Vater bewog, sein Amt abzulegen. Ist der Bub kriminell? Vom Gymi geflogen? Oder, schlimmer, UBS-Lehrling? Nein, erfahre ich am Abend am Lokal-TV, Ihr Sohn sei ein ganz normaler Pubertierender. Ihm ist der Rummel vermutlich zuwider. Als wärs für einen Jugendlichen nicht peinlich genug, den Stapi zum Papi zu haben – peinlicher ist nur Migros-Kolumnist –, tritt der Vater nun auch noch seinetwegen zurück.

Den Slogan «Vom Stapi zum Papi» hielten Sie, um Worte nie verlegen, grad selber parat. Prompt hält man Ihnen vor, Sie müssten aber auch aus allem einen PR-Gag machen. Ich finde den Gag verzeihlich. Immerhin gestehen Sie mit dem Schritt ein, dass die von Politikern gern zitierte «Quality Time» eine Lüge ist. Väter können nicht jedes vierte Wochenende schampar abenteuerlich mit ihren Kindern in einen Freizeitpark fräsen und meinen, das mache all ihre Abwesenheit wett. Für Kinder gibt es keine «Quality Time», nur Zeit. Die nehmen Sie sich nun für Ihren Sohn. Und noch gibt es so viele Männer, die fürchten, sie verlören jede Männlichkeit, wenn sie sich um Kinder und Küche kümmerten, dass ich um jeden Promi froh bin, der mit dem Beispiel vorangeht. Selbst wenn der Karriereverzicht mit 64 Jahren nur mehr ein -verzichtchen ist.

Kommen Sie doch mal zum Zmittag, Stapipapi! Und bringen Sie Ihren Sohn mit, wenn er mag. Er ist ja schon doppelt so alt wie mein Bub. Der wurde grad acht, ich muss dieser Tage sechsmal Kuchen backen: für den Kindergeburtstag, das Znüni in der Schule, für die Feier en famille, die mit dem Götti, die mit Ömi und diejenige mit Grosi und Grossätti. Und ich gebe es zu: Einmal habe ich in der Eile eine Fixfertigmischung aus der Plastiktüte in die Backform gestreift. Das Resultat hat mich beruhigt: Der Kuchen schmeckte abscheulich. Sie wollen ja nun ein echter Hausmann sein: «Schluss mit Fertigpizza! Ich werde richtig kochen.» Mich nähme wunder, was man zu einem 16. Geburtstag bäckt. Haschküchlein? Und ist man da als Vater überhaupt noch genehm? Oder drängen Sie sich Ihrem Sohn just zu einem Zeitpunkt auf, da er sich von Ihnen lösen möchte?

Einzig dies irritierte mich: «Jetzt ist die Phase, in der der Sohn den Vater braucht», diktierten Sie in die Mikrofone. Ihr Sohn ist fünfzehneinhalb. Nicht, dass ich Sie als den verlässlich jovialdemokratischen Stadtpräsidenten, der Sie waren, hätte missen wollen – aber mit Verlaub, Herr Ledergerber, die Phase, in der Ihr Sohn den Vater braucht, hätte vor ungefähr fünfzehneinhalb Jahren begonnen.

Baby-Tagebuch: Schwangerblöd

Seit ich schwanger bin, verblöde ich regelrecht. Und frage mich, ob die Fehlerquote in wissenschaftlichen Studien auf dieses Phänomen zurückzuführen ist.

Unsere Familienkutsche hat seit den zwei blauen Strichen auf dem Test zwei Beulen und drei Kratzer mehr aufzuweisen. Wie viele Male ich unsere Haustür sperrangelweit offen gelassen habe, kann ich schon gar nicht mehr aufzählen. Ich weiss oft nicht mal mehr, ob ich meinem Mann schon einen guten Morgen gewünscht habe oder ob ich nur dachte, ich hätte es getan. Diesen Zustand nennt man „schwangerblöd“. Den Begriff habe nicht ich erfunden, googeln Sie ihn mal!

Wie so viele andere Dinge, sagt einem auch dies niemand, bevor es soweit ist. Wer hätte gedacht, das frau sich nicht nur körperlich verändert, sondern dass auch ihre geistigen Fähigkeiten merklich abnehmen? Ich frage mich manchmal, wie schwangere Kader-Frauen oder Wissenschaftlerinnen mit dem Problem umgehen. Wie viele aller wissenschaftlichen Studien, die uns täglich vorliegen, werden wohl von schwangeren Frauen geleitet? Man stelle sich die Fehlerquote vor!

Aber schwangerblöd kann noch gesteigert werden: stillblöd. Ich kann mich noch gut erinnern, wie nervig diese Zeit bei meiner letzten Schwangerschaft war. Abgesehen von schmerzenden Brüsten und mangelndem Schlaf, liess ich regelmässig etwas anbrennen, erschrak zu Tode, weil ich dachte, ich hätte mein Baby irgendwo vergessen und verpasste etliche Termine, weil falsch aufgeschrieben.

Und das Schlimmste kommt noch: Denn es wird nie wieder so wie früher, wie mir andere Mütter versichern.

Äh... Wie ging das mit dem Abspeichern nochmal?...

Ohne mich - Im Elternrat

Wieso ich im Elternrat bin, in den ich nie wollte. Und es totzdem ganz o.k. finde.

Es ist immer dasselbe, ob im im Verein, in der Weiterbildung oder am Elternabend. Sobald es Aufgaben zu übernehmen gilt, schauen die Leute verlegen zu Boden, räuspern sich noch verlegener und hoffen, dass die Sache bald ausgestanden ist, weil irgendjemand sich aufopfert. Leider denken das ausnahmslos alle, weshalb sich die Ämtervergabe quälend lange hinzieht. Bei uns war es am letzten Elternabend des Kindergarten mal wieder so weit. Mit einer entschiedenen «ohne mich»-Einstellung bin ich zu dem Treffen gegangen. Zwei neue Mitglieder für den Elternrat wurden gesucht und ich wusste schon seit Wochen, dass ich mich auf keinen Fall melden wollte. Unser zweites Kind ist unterwegs, ausserdem bin ich einfach nicht sozial genug, um mich für Angelegenheiten wie den «Sporttag» einzusetzen.

Quälend. Die Elternversammlung wies alle Charaktertypen auf, die in so einer Gruppe garantiert anzutreffen sind. Die Scheuen, die nichts sagen. Die Alteingesessenen, die ihr ehrenamtliches Soll schon erfüllt haben und sorgenfrei mitreden können. Das Grossmaul, das allen erklärt, wie was zu sein hat, selber aber überhaupt keine Zeit hat. Und dann sind da noch die Bedrängten, die es kaum aushalten, mit den anderen auf den Boden zu starren. Die sich auf ihre Hände setzen, weil sie es kommen sehen, dass sie sich sonst melden werden. An diesem Elternabend gab vor allem eine Bedrängte. Die ihr erstes und ihr zweites Kind vergass und die Abneigung gegen Sporttage, nur um die peinliche Stille zu durchbrechen.

Na ja, jetzt bin ich im Elternrat und soll ich euch mal was sagen? Es ist gar nicht so schlecht, v.a. für jemanden wie mich, der gerne über Misstände motzt – so weiss ich wenigstens, worüber ich motze.

Text: Nathalie Sassine

Erschienen in der Basler Zeitung am 1. November 2008.

Sonntag, 26. Oktober 2008

Trsch!

Heute werden hier Ohrfeigen verteilt. Etwa an alle, die «Ungeduld» als ihren grössten Makel angeben.

Von Michele Rothen "Miss Universum": Ich fragte neulich ganz naiv einen jungen Menschen, was er denn mal machen wolle, so beruflich. Der junge Mensch meinte, er wisse es noch nicht so genau, aber auf jeden Fall etwas, wo er viel mit Menschen zu tun habe. In dem Moment wollte ich ihm ganz körperlich viel mit einem Menschen zu tun geben und ihn nach allen Regeln der Kunst verprügeln. TRSCH! Allein für die Tatsache, dass er einen Satz braucht, der schon so verdammt oft gesagt wurde. Ich möchte einmal im Leben den Satz hören: «Ich möchte einen Beruf ausüben, bei dem ich so wenig wie möglich mit Menschen zu tun habe. Ich möchte in einem dunklen Kellerloch sitzen und ganz allein für mich irgendeine Arbeit erledigen.»
Es gibt viele solcher Sätze, die mich mit ihrer gesellschaftlich abgenickten Leere anstelle von Ehrlichkeit in den Wahnsinn treiben. Zum Beispiel die Antwort auf die Frage an Missen, Models, Moderatorinnen, welchen ihrer Körperteile sie am wenigsten mögen: «Die Füsse.» TRSCH! Es sind immer die Füsse. Ich wills nie mehr hören. Ich will nur noch ehrliche Antworten, sei das: «Nichts, ich find alles wahnsinnig geil an mir» oder: «Meine Hängebrüste, ich hab nämlich Hängebrüste, man siehts nicht, weil ich immer Push-ups trage, aber ich hab wirklich schlimme Hängebrüste», aber nie mehr: «Meine Füsse».
Und auch nicht: «Früher in der Schule wurde ich immer gehänselt, weil ich so dünn war, sie nannten mich Bohnenstange.» TRSCH! Herrje, du armes, schönes Model. Wurdest gepiesackt, weil damals niemand deine ungewöhnliche Schönheit erkannte? Aber ehrlich, danke für die Info. Wir Normalhässlichen sind SO froh zu hören, dass dein Leben auch nicht immer eitel Sonnenschein war. Genugtuung ist ja das Einzige, was uns bleibt.
Ich will auch auf die Frage nach der schlechtesten Eigenschaft nie wieder hören: «Ungeduld.» TRSCH! Ist natürlich eigentlich eine Tugend, ist natürlich eigentlich Tatendrang und Energie. Oder: «Zu ehrlich.» TRSCH! Ich will mal von irgendjemandem hören, er sei missgünstig. Oder schwer von Begriff. Langweilig, eine enorme Spassbremse, eingebildet.
Man fordert solche Reflex-Floskeln allerdings auch selber oft heraus. Neulich sagte ich zu jemandem, der mir vorgestellt wurde, dass ich schon viel von ihm gehört hätte. Beim «von» etwa wurde mir klar, was ich da tat, dieser Satz ist ja ein Trigger, die Flamme an der Zündschnur, das Schütteln der Champagnerflasche, aber es war schon zu spät, und ich überlegte noch, den Satz an dieser Stelle einfach abzubrechen, «Ich hab schon viel von», aber das ging nicht, oder «Thomas Mann gelesen», «meiner Mutter, die Nase zum Beispiel», «-due gegessen» anzuhängen. Aber das hätte keinen Sinn gemacht, also beendete ich den Satz ordentlich, und natürlich sagte der Mensch dann: «Ich hoffe, nur Gutes.» TRSCH! Aber das war ja wirklich meine Schuld.
Nächstes Mal, wenn mir jemand vorgestellt wird, sage ich: Ach, ja, hallo, ich habe noch nie irgendwas von dir gehört, wahrscheinlich völlig zu Recht, du blöder Langweiler.

"Die Frau muss sagen: Ich liebe dich trotzdem"

Aus der taz.de: Die Vaterschaft ist in der Krise, sagt der Schriftsteller, Grünen-Politiker und Hausmann Robert Habeck. Grund: Der Vater zerbricht an der Anforderung, ein erfolgreicher Ernährer und zugleich ein vorbildlicher Familienvater zu sein. Entweder jetzt passiert etwas, oder wir fallen in die Zeit vor der Aufklärung zurück, sagt Habeck. Gefragt sei die Politik - und auch die Frau.


INTERVIEW PETER UNFRIED FOTO MARCUS DEWANGER

taz: Herr Habeck, warum ist der Vater in der Krise?


Robert Habeck: Die Krise der Vaterschaft rührt daher, dass es heute zwei widersprüchliche Anforderungen an Väter gibt. Einmal ist da die alte Anforderung, in einer schneller werdenden, auch von Armut bedrohten Gesellschaft, in einer brutaleren Arbeitswelt selbst auch immer brutaler, schneller und härter zu werden. Das ist die alte Ernährerdiskussion im neuen, globalisierten, börsengeschüttelten Gewand.

Und die zweite Anforderung?

Die zweite Anforderung ist, gleichzeitig sensibler zu sein, viel Zeit mit dem Kind zu verbringen, ein emotionaler Vater zu sein. Beides zusammenzubringen, also härter und brutaler zu werden und gleichzeitig sensibler und empfindsamer, dafür gibt es keinen Rollenentwurf. Die neue und die alte Anforderung beißen sich. Die Folge ist: Männer werden häufig gerade deshalb keine Väter, weil sie gute Väter sein wollen.

In den 80ern haben Männer gesagt: Ich kann keine Kinder in die böse Welt setzen. Ideologischer Zeugungsstreik, damals gern bekräftigt durch Sterilisierung. Und jetzt sagen sie: Ich kann keine Kinder in eine Welt setzen, in der ich der Vater wäre?

Jetzt würde man sagen, ich würde gerne Kinder in die Welt setzen, aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe, ein guter Vater zu sein. Ich nicht weiß, wie ich beruflich kürzertreten soll, und nur als Zierde will ich ein Kind nicht, also lasse ich's lieber bleiben.

Oder weil ich das Geld nicht garantieren kann?

Ja. Es ist ein harter Schlag für alle Romantiker der Familienpolitik. Aber einer der entscheidenden Gründe, aus denen Paare sich gegen Kinder entscheiden, ist das Fehlen einer Einkommensperspektive. Die ist heutzutage oft erst ab dem 35. Lebensjahr gesichert. So verzichten viele ganz lange auf den Wunsch, Kinder zu kriegen. Nicht weil sie lieber ins Kino gehen, sondern weil sie den Ansprüchen, die sie an sich selber stellen, Genüge tun wollen.

Dann hat die Frau das Kind doch bekommen, und der Mann fängt plötzlich an, wie blöd zu arbeiten. In Ihrem Buch nennen Sie das nicht Flucht vor der Verantwortung, sondern Übernahme von Verantwortung. Warum?

Solange man das Problem als individuelle und biologisch-psychologische Disposition sieht nach dem Motto "Männer sind machtgeile Machos" oder "Männer-haben Angst vor dem nassen Lappen", verfehlt man die anstehende politische Debatte. Man muss sich vom Klischee "Mann" lösen und Geschlechter entlang von Rollen- und Gesellschaftsmechanismen beschreiben. Dann erkennt man zwangsläufig: Die neuen Väter entfernen sich aus Sorge um das finanzielle Auskommen oftmals ungewollt von ihren Familien.

Die Frau wirft ihm vor, dass er sie allein und im Stich lässt.

Solcher Vorwurf klingt wie von gestern. Beide Geschlechter fallen zurück in Rollenklischees, die beide gar nicht wollen.

Jedenfalls gibt es auch im 21. Jahrhundert fast keine Frauen in der Ernährerrolle.

Ebendas ist auch das Problem der Männer. Beide Geschlechter verhalten sich völlig synchron und letztlich auch rational. Wenn skandalöserweise Bildung so stark vom Einkommen des Elternhauses abhängig ist und wenn unsäglicherweise Frauen so deutlich weniger verdienen als Männer, dann müssen beide ja nur eins und eins zusammenzählen. Dann sagen sie mit Blick auf die Zukunft ihrer Kinder: Ja gut, dann holt der das Geld rein, der mehr kriegt. Also müssen sich Männer dafür einsetzen, dass Frauen gleich viel verdienen, und Frauen dafür, dass Männer weniger arbeiten.

Der Mann will mehr in der Familie sein, die Frau mehr berufliche Erfüllung. Beide müssten sich doch aufeinander zubewegen?

Ich befürchte, dass wir gerade dabei sind, den Moment zu verpassen, diese Bewegung zu ermöglichen. Die neuesten Untersuchungen sagen: Obwohl die Geschlechter sich aufeinander zubewegen wollen, entfernen sie sich voneinander. Die Männer werden immer mehr wieder zu Arbeitstieren. Die Frauen finden das okay.

Ist das gar keine kulturelle Frage, sondern nur eine politische, eine Arbeitsmarktfrage?

Es ist beides. Wenn man sich die Geschichte der Vaterschaft anguckt, also der Rollenbilder, die für Väter bislang gegolten haben, sieht man, dass die ganz eng mit der Organisation des Arbeitsmarktes und der gesellschaftlichen Produktionsformen verknüpft war. Jetzt kann man es umdrehen und sagen: Die Krise der Väter ist ein starkes Indiz für die Krise der Arbeitswelt und eines Systems des Immer-mehr-haben-Wollens. Die Politik will das nur noch nicht wahrhaben. Es wird aber auch ein neuer kultureller Ansatz sichtbar, wenn man die Männer betrachtet. Die Frauenemanzipation konnte diesen Umbruch nicht so deutlich machen, weil sie noch aus dem alten Systemgedanken heraus funktioniert. Also mehr Lohn, gleichen Lohn zu haben, mehr Karriere, gleiche Karriere zu machen.

Berechtigt.
Mehr als das. Es ist eine soziale Bewegung im Sinne des alten Jahrhunderts, und dass sie nicht erfüllt wurde, ist ein Skandal. Aber ihr Blick richtet sich nicht auf den kulturellen Umbruch, den ich jetzt sehen zu können meine.

Der Feminismus und auch noch der Postfeminismus blockieren diesen gesellschaftlichen Umbruch?

Wer ist schuld an der Krise der Männer? Die bösen, bösen Feministinnen, die uns die Arbeitsplätze wegnehmen und uns in eine Rollenidentität stürzen - das ist ideologischer Blödsinn aus dem konservativen Männermilieu.

Gut. Nach Klärung der Bösefront noch mal: Blockiert der Feminismus?

Es gibt da einen Widerspruch aus der alten Emanzipationsdebatte der Frauen und der jetzigen Problemlage der Männer. Das läuft nicht aufeinander zu, das läuft aneinander vorbei. Der nächste Schritt ist nicht, zu sagen: Ich will so viel Geld verdienen wie Josef Ackermann. Der nächste Schritt ist, zu sagen …

… Geld allein macht auch nicht glücklich? Herr Habeck!

Nein, warten Sie. Der nächste Schritt ist: Mit den Männern zusammen einen halben Schritt zurücktreten und sagen: Es muss ein Maß an Lebenszufriedenheit und Balance geben, das es beiden Geschlechtern ermöglicht, die Dinge des Alltags und des Berufs miteinander auf die Reihe zu kriegen. Die Chance besteht darin, dass die Frauen sagen: Okay, es gibt eine Verunsicherung bei den Männern; die machen wir fruchtbar für eine wahre Gleichberechtigung. Das bedeutet aber auch, dass sie es nicht bei der Forderung "Gleiche Macht auch für uns" belassen. Sie müssen sagen: "Weniger Macht für alle".

Die Frauen müssen das Problem des Mannes sehen und nicht nur den Mann als Problem?

Das hätte ich nicht besser sagen können.

CDU-Ministerin von der Leyen feiert ihr Elterngeld als großen Erfolg und ist inzwischen auch unter linksliberalen Frauen eine Heldin.

Das Elterngeld ist systematisch völlig falsch aufgestellt. Es funktioniert nach der Logik des Hausfrauen- und Ernährermodells, es werden einfach mal die Rollen für ein Jahr geändert.

Aber das System wird gewahrt?

Nur weil Männer ein Jahr zu Hause bleiben, ist die Emanzipation keinen Schritt vorangekommen. Alle Indizien, die ich gesammelt habe, sagen, dass genau das die Partner gar nicht wollen. Es geht ihnen darum, einen gemeinsamen Alltag zu teilen. Also vielleicht sechs bis acht Stunden am Tag zu arbeiten und nicht zwölf. Und damit eine geteilte Woche hinzukriegen.

Wie läuft das bei Ihnen?

Unser Arbeits- und Lebensmodell ist sicher nicht so ganz leicht auf andere zu übertragen. Meine Frau und ich leben und arbeiten seit zehn, elf Jahren als Schriftsteller zusammen. Alle unsere Bücher sind gemeinsam geschrieben und unter unser beider Namen veröffentlicht, sodass wir immer gleich erfolgreich oder weniger erfolgreich sind. Wir verdienen etwa gleich viel Geld und machen die gleiche Karriere - oder eben auch nicht.
Wie funktioniert der Wechsel zwischen Arbeit und Familienarbeit?

Der hat sich gerade verschoben. Vor Kita und Schule konnten wir nur gemeinsam arbeiten, wenn die Kinder schliefen. Da waren wir auch meist selbst müde und mussten uns mit Koffein aufputschen. Tagsüber wurde dann in Textform festgehalten, was wir uns nachts erarbeitet hatten. Das machte jeweils die oder der, der wacher war. Inzwischen haben wir die Zeit, die die Kinder in Kita und Schule sind, um gemeinsam konzentriert zu arbeiten.

Wenn Sie alles gemeinsam machen, warum haben Sie dann "Verwirrte Väter" allein geschrieben?

Tatsächlich scheinbar ein Widerspruch! Ich schreibe ein Buch über die Möglichkeit eines geteilten Zusammenlebens und breche genau damit mein eigenes. Der Grund ist: Wir haben schlicht mehr Zeit, seit die Kinder sich selbst in den Schlaf lesen. Meine Frau gründet eine Band, ich engagiere mich politisch ein wenig - und schreibe ein Buch. So gesehen ist es eher Erweiterung der gemeinsamen Möglichkeiten als ihre Einschränkung.
Sie haben immer zu Hause gearbeitet?

Von Lesereisen und Parteitagen abgesehen, ja. Man braucht ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Man hat ja auch ständig den Nerv, wenn die Kinder ankommen und den Ball aufgepumpt haben wollen oder sich in der Wolle haben. Aber es ermöglicht eben auch einen schnellen Betreuungswechsel oder auch Arbeitswechsel. Aber klar, verallgemeinerbar ist das so nicht. Verallgemeinerbar ist aber, dass es besser ist, Konflikte miteinander zu erleben und zu erleiden, als sie gar nicht mitzukriegen.

Das ist die zusätzliche Lebensqualität, dass man Konflikte erleben darf?

Jedenfalls ist das Gegenteil, eine heile Welt zu haben, widerspruchsfrei, schmerzfrei und steril zu leben, für mich weniger erstrebenswert.

Haben Sie auf eine Kandidatur als Bundesvorsitzender der Grünen verzichtet, weil Sie private Konflikte bevorzugen?

Ich hätte diese Konflikte nicht mehr austragen können, wenn ich in Berlin leben würde und meine Familie an der dänischen Grenze. Aber klar ziehe ich den politischen Konflikt dem privaten vor. Es ist ja auch nicht so, dass ich keinen politischen Anspruch und Ehrgeiz hätte. In Berlin hätte ich ihn aber nicht erfüllen können. Gerade weil ich mich bei Konflikten ganz gern durchsetze.

Ein Kritiker warf Ihnen eine elitäre Milieudiskussion vor, während neunzig Prozent der Leute damit beschäftigt seien, ihre Ökonomie auf die Reihe zu kriegen.

Auch das Milieu, von dem Sie sprechen, will vor allem seine Ökonomie auf die Reihe kriegen. Wenn man Kinder bekommt, brechen einem die Ideale häufig unter den Händen kaputt, vor allen Dingen, weil Kohle so wichtig wird.

Welche Ideale?

Kinder gemeinsam zu erziehen und sich den Alltag zu teilen, gleichermaßen Karriere und Beruf zu machen. Ich habe vor allem über die Ansprüche der Männer an sich selbst geschrieben, für ihre Kinder da zu sein, als Freunde, und sie nicht nur morgens zur Kita zu fahren und am Wochenende mal irgendwie ins Kino zu gehen. Für etwa sechzig Prozent der Väter ist klar, dass sie nicht auf Kosten der Frau leben wollen.
Sie sagen, beide müssen Macht abgeben. Heißt das auch: Die Mutter muss Muttermacht abgeben?

Klar. Es kommt nicht so selten vor, dass Frauen ihren Männern die Familienarbeit abnehmen, weil sie es schneller oder besser können. Oder zu können meinen. Auch das ist eine Machtfrage. Beide Geschlechter müssen weniger auf Macht und weniger auf Geld sehen. Die Frau muss auch sagen: Ist doch okay, wenn du ein bisschen weniger verdienst als ich. Ich liebe dich trotzdem.

Hätten Sie ein Taschentuch? Es wird etwas rührselig.

Im Gegenteil, es wird ernst und schmutzig. Noch immer suchen sich die allermeisten Frauen Partner, die mehr verdienen als sie. Das wissen die Männer natürlich auch. Ihr Ego, auch ihr erotisches Ego, wird durch den Kontoauszug mitgeprägt.

Das Ego ist aber beeinflusst durch das kulturelle System.

Mann und Frau haben ihr Selbstverständnis geändert - schneller sogar als die gesellschaftlichen Umstände. Das führt jetzt zu neuen Unsicherheiten und Problemen. Und die werden eben nicht politisch korrekt gelöst. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem sich entweder die Umstände ändern müssen, oder wir fallen zurück in die Zeit vor der Emanzipationsaufklärung.

Sie meinen: 50er-Jahre-Stil?

Die Gegenaufklärung à la Eva Herman, Matthias Matussek oder Bernhard Bueb hat jedenfalls höhere Verkaufszahlen als ich. Ihre These ist dabei nur: Männer sind groß und stark, und Frauen sind klein und schwach, und das kann nicht anders sein. Wenn wir jetzt nicht die Rahmenbedingungen so ändern, dass wir zeigen: "Ihr täuscht euch alle, es funktioniert", dann werden die Veränderungsfeindlichen den Fortschritt der letzten zwanzig Jahre wieder einstampfen und als Verirrung der durchgeknallten Achtundsechzigerlinken stigmatisieren.

Jetzt simulieren Sie aber auch den Lagerwahlkampf.

Eben keinen Lagerwahlkampf. Ich handle mir ja gerade eher einen Zweifrontenkrieg ein gegen Autoritätsansprüche von links wie von rechts. Mir geht es um einen offensiven, radikalen Schritt raus aus der Achtundsechziger-Emanzipationsdebatte. Mir geht es darum, nicht vor einer sich modern gebenden CDU zurückzuweichen und gleichzeitig keine Angst zu haben, Familienpolitik als linkes Projekt oder als emanzipatorisches Projekt zu begreifen. Ich sage nicht: Familie ist das, was mich zwingt, so zu leben, wie ich nicht leben will. Ich sage: Familie ist das, was mir Freiheit gibt, so zu leben, wie ich will.

Was soll das heißen?

Familie steht unter einem erheblichen ökonomischen Druck. Aber innerhalb der Familie wird nicht ökonomisch gehandelt. Man beschäftigt sich mit seinen Kindern oder Partnern ja nicht, weil man etwas zurückbekommen will, sondern weil es glücklich macht. Für mich ist das Freiheit. Und so würde ich Familienpolitik definieren: nicht biologisch, sondern ethisch. Familie ist das Gegenteil von Firma.

Ist das ein künftiger Wahlkampfslogan?

Ach was. In der Bindung ans Kind erlebt man eine Verantwortung, die nicht auf einen Ertrag gerichtet ist. Man investiert Zeit und Geld und Mühe und Liebe und hat keine konkrete Erwartung, was dann zurückkommt. Das Tun ist der Sinn der Sache. Das ist das Erstrebenswerte. Es ist fundamental dem entgegengerichtet, was wir im beruflichen Leben machen: Da schreibt man jedes Buch, um es zu verkaufen.

Von den neukonservativen Denkmodellen zur Familie halten Sie erkennbar nichts.

Ich halte sie intellektuell für plump und politisch für einen Minderwertigkeitskomplex. Die Denkfiguren dieser neukonservativen Leute funktionieren immer mit den gleichen Unterstellungen. Die eine ist, dass es etwas Bewahrenswertes gibt, dass früher alles besser war.

Die heile Familienwelt vor 1968 mit dem traumatisierten Nazi- oder Soldatenvater und den unterdrückten Kindern?

So weit muss man vielleicht nicht gehen. Aber klare Rollen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Klare Bandagen, was Erfolg ist, Gehorsam statt Konflikt, dieses Zeug. Die zweite Unterstellung ist dann, dass jemand das Paradies zerstört habe. Das sind dann wahlweise die Achtundsechziger, die Grünen, die Linken oder Alice Schwarzer.

Und wenn nun Männer halt doch gewisse Eigenheiten hätten …

Ich wäre der Letzte, der das leugnen würde. Androgynität ist ja auch gar nicht das Ideal. Aber daraus, dass es Dinge gibt, die scheinbar natürlich sind, folgt ja nicht, dass unsere Spielregeln sie blind verstärken. Sie könnten sie ja auch ändern. Gerade weil das männliche Gehirn durch Testosteron so zerstört ist, dass Jungen brüllen und raufen, sollte man ihnen beibringen, auch mal zuzuhören. Und Männern auch.

Wenn Sie in Ihrem Buch die Entwicklung der Vaterschaft seit dem pater familias der römischen Antike analysieren, dann gibt es für Sie keine Zeit, die Modellcharakter hat.

Modellcharakter hat die Abfolge von Fortschritt und Rückschritt. Wir erlebten, so schräg das klingt für Leute, die Hartz IV für eine schlechte Idee halten, in den letzten zehn Jahren eine Phase der Aufklärung. Aber wenn es so läuft, wie es immer in der Historie gelaufen ist, folgt darauf die Gegenaufklärung. Und dass die Wirtschaft durchgedreht ist und dass die Opfer des Aufschwungs so viele werden, wird das Verlangen nach Sicherheit und Orientierung nur noch verstärken. So begrüßenswert das für den Arbeitsmarkt sein mag, kulturell will ich das lieber nicht.

Sie fordern eine neue Arbeitspolitik.

Eine Arbeitszeitpolitik. Dass man sich staatlicherseits stärker mit der Arbeitszeit beschäftigt, ist ein wesentlicher Schlüssel. Alle egalitären Umverteilungsmodelle, die ersonnen werden, auch das Grundeinkommen, werden nur dann wirklich funktionieren, wenn es einen staatlichen Steuerungsmechanismus gibt, die Zeit der Arbeit halbwegs gerecht für die Menschen aufzuteilen. Das ist auch die direkteste Antwort, die man aus der Notsituation der Väter und Mütter heute ableiten kann.

Wie kann man das organisieren, ohne zu stark in die Freiheit einzugreifen?

Nicht über Verbote. Überstunden müssten lediglich unattraktiver werden. Man setzt Überarbeitung und "Unterarbeitung", die Arbeitslosigkeit, in Beziehung. Zu viel arbeiten ist asozial. Also beziehen wir den Faktor Zeit in unser Steuer- und Abgabensystem ein. Es gibt ein messbares Bedürfnis, weniger zu arbeiten.
Manche brauchen mehrere Jobs, um durchzukommen.

Ja, weil die zu schlecht bezahlt sind oder weil das Sozialsystem sie nicht ausreichend stützt. Glücklich sind die aber nicht mit ihren drei Jobs. Das spricht für die Schaffung eines gerechteren Sozialsystems, aber nicht gegen die Arbeitszeit als neues Steuerungsinstrument.

Übernehmen Sie doch mal die Deutungshoheit über den Begriff "bürgerliche Kleinfamilie", Herr Habeck.

Ach, Begriffe interessieren mich gar nicht. Von außen betrachtet, lebe ich in einer bürgerlichen Kleinfamilie, wohne auf dem Land, bin selbstständig, verheiratet, die Kinder sind meine eigenen. Soll mir das jetzt peinlich sein? Entstanden ist das alles eher aus dem Wunsch, es nicht so zu machen, wie es vorgezeichnet war. Frühes Kind statt Festeinstellung, Schriftsteller statt Lektor, dänische Grenze statt Hamburg, weil da das Geld reicht, so zu leben, wir wollen - ich find meine bürgerliche Kleinfamilie eigentlich ganz cool.

Und die Moral von der Geschichte?

Die Moral ist, keinen Lebensentwurf vorzuschreiben, aber viele zu ermöglichen. Mehr sollte ein Staat gar nicht anstreben. Für die Väter haut aber genau das nicht mehr hin, so zu leben, wie sie eigentlich wollen. Also übertragen wir die privaten Probleme auf die öffentliche Ebene. Das, was früher in der Kleinfamilie gefangen war, findet dann auf der staatlichen Ebene statt. Das wäre eine neue Debatte. Sie würde den Rückfall in die alte verhindern.

PETER UNFRIED, Jahrgang 1963, ist stellvertretender Chefredakteur der taz (1,0-Stelle) und lebt mit Frau (0,6) und zwei Kindern (Schule und Hort bis 16 Uhr) in Berlin.


Donnerstag, 23. Oktober 2008

Die spinnen die Amis!

Während die eventuelle zukünftige Vizepräsidentin der Amerikanerin mit ihren Deisgnerklamotten Negativ-Schlagzeilen macht, sind wiedermal Kinder Opfer des Designwahns: In L.A. gibt es seit neustem Perücken für Babies!

Neuer Trend aus den USA - witzig oder geschmacklos?

Lust auf eine Typ-Veränderung? Nein, nicht für Sie - diesmal ist es Ihr Baby, das in eine ganz neue Rolle schlüpfen kann. In Sekundenschnelle haben Sie dann die Mini-Version von Bob Marley, Lil Kim oder Donald Trump auf dem Arm.

Wie das? Mit Hilfe von bizarren Perücken, BabyToupees genannt. Wenig überraschend stammt die Idee aus dem Los Angeles County im Herzen Kaliforniens, wo sich nun auch die Kleinsten mit mehr oder weniger modischen Accessoires schmücken können.

Finden Sie den Flaum am Kopf Ihres kleinen Lieblings zu langweilig, können Sie ihm mit dem Bob Marley-Toupee ein paar coole Dreadlocks verpassen. "No Baby, no Cry" („Baby, weine nicht“), lautet der Slogan auf der Seite www.babytoupee.com. Ob Ihr kleiner Perückenträger das auch so entspannt sieht, ist eine andere Frage. Eine Perücke kostet 21,99 Dollar und passt Babys zwischen einem und neun Monaten.

Hier die Bilder.

Dienstag, 21. Oktober 2008

Unmännlich?

Und wiedermal spricht mir der Friedli aus der Seele. Nicht nur, was seine Kritik an unserem Lieblings-Roger angeht, auch die Tatsache, dass Männer in Frauenpositionen Schwierigkeiten haben, ernst genommen zu werden.


Wieso ist das eigentlich umgekehrt mittlerweile weniger der Fall? Eine Automechanikerin ist doch ziemlich cool, wenn nicht gar sexy. O.k., was da für sexuelle Männerfantasien mit hineinspielen, sei mal mal dahingestellt. Aber Frauen, die sich in klassischen Männerberufen durchsetzen, sind stark. Männer in sogenannten Frauenberufen sind etwas peinlich. Nicht?

Dann denkt mal an die männlichen Hebammen, Pfleger, Sekretäre und Krippen-Betreuer. Glaubt ihr nicht auch, dass die im Kollegenkreis etwas Mühe haben? Ganz zu schweigen von den Vermutungen über ihre sexuellen Neigungen... Und dieses "Problem" scheint eben auch Männer anzugehen, die den Haushalt schmeissen und ihre Kinder erziehen. Ohne Krawatte!

Aber wie eine Studie, die auch Herr Friedli vor nicht allzu langer Zeit erwähnt hat, bewiesen hat: Männer, die im Haushalt mit anpacken, machen ihre Frauen glücklicher und zufriedener. Ergo mehr Sex, ergo weniger Scheidungen. So und jetzt lest bitte die neuste "Hausmann-Kolumne" selber:

Männerfrage?
Mich kann man ja nicht ernst nehmen. Denn: «Ein Mann kann nicht erwarten, ohne Krawatte wirklich ernst genommen zu werden.» Der Chefredaktor der «Weltwoche», Roger Köppel, schrieb das, ich habs mir rausgerissen. Ui ui ui, wann trage ich schon Krawatte? Höchstens zu Hochzeiten. Heuer also ein einziges Mal, als Ruth und Philip heirateten. Die einzige Krawatte in meinem Besitz ist übrigens – jetzt wird eine Frau Sigg laut aufkreischen – rosa. Besagter Frau Sigg stiess meine Schwäche für Bébékleidchen sauer auf: «So was von Kitsch geht einem ganz gehörig auf die Nerven!», mailt sie. Und fragt: «Sehr geehrter Herr Friedli, haben Sie nicht langsam das Gefühl, Sie übertreiben etwas mit Ihrem ‹Frau/Mann-Sein›. Bei Ihnen hat man das Gefühl, man sollte Sie selber in einen Strampler stecken.»

Vermutlich verhält es sich mit Frau Sigg und Herrn Köppel ähnlich: Unsere Bilder von einem Mann sind unvereinbar. Mich stört nicht, dass ich selten bis nie krawattiert bin. Und, sorry, ich fühle mich, wenn ich Babysachen aussuche, durchaus als Mann. Sogenannt «männliche» Eigenschaften hab ich immer noch genug. Welche vernünftige Hausfrau würde zwei Nachbarinnen und einen Schwiegervater als Kindersitter einspannen, damit sie, wie ich unlängst, den Young Boys im fernen Brügge beim Verlieren zuschauen gehen könnte? Eben.

Es stellt sich die Urfrage, wann ein Mann ein Mann ist. Das mit der Krawatte erfülle ich kaum. Dafür gröle ich primitiv in Fankurven. Gibt das Punkte auf der Köppel’schen Männerskala? Und gibt es Abzug, weil ich Hanslis Wölfli-Abzeichen ziemlich einwandfrei aufs Pfadihemd genäht habe? War das unmännlich? Bin ich gar ein Weichei, weil ich meiner Frau zuweilen die Blusen bügle, die sie trägt, wenn sie ins Büro geht? Ich finde, man dürfe beides, «Schiri, du Pfiiiiffe!» johlen und Blusen glätten. Kann nicht schaden, die Rollen etwas aufzuweichen. Dass unsere Tochter, die Fussballerin, ein «typisches» Knabenhobby hat, stört mich ebenso wenig wie, dass der Bub manchmal mit Puppen spielt. Mich dünkt nämlich, die Welt wäre keine schlechtere, wenn mehr Männer Freude an rosa Stramplern hätten statt an, sagen wir mal, Geländewagen und Knarren. Und ich musste schmunzeln, als der «Blick» neulich von «Männerdiskriminierung» und drohendem Matriarchat hyperte, nur weil ein Entwurf zum neuen Namensrecht vorsieht, Mütter könnten verlangen, dass die Kinder ihren Nachnamen tragen. Haben Sie etwa geglaubt, unsere Kinder hiessen Friedli? Dann muss ich Sie enttäuschen. Und es kratzt mich so was von nicht, dass sie nicht meinen Namen tragen.

Herr Köppel übrigens schreibt in seinen jüngsten Editorials, zu denen er stets adrett mit blauer Krawatte posiert, die Bankenkrise sei keineswegs eine Krise des Kapitalismus, nein, nein, all die Linksnostalgiker und Liberalisierungsskeptiker hätten unrecht, der Staat müsse jetzt nur hurtig den Banken auf die Beine helfen und dann schleunigst wieder abstinken und die freien Märkte ungehindert wuchern lassen …

Wenn ich solches lese, bleibt einzig anzufügen: Manche Männer können auch mit Krawatte nicht erwarten, ernst genommen zu werden.


Text Bänz Friedli

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Baby-Tagebuch: Mein Baby wird grosser Bruder

Weil selber ein Einzelkind, wusste ich eigentlich immer, dass mein Sohn Geschwister haben wird. Obwohl es natürlich Zeiten gab, in denen ich nur ein Kind ganz praktisch fand. Alles nur einmal: Trotzalter, Nuggi abschaffen, nur Einen abzugeben, wenn wir mal ins Restaurant wollten. Aber ich bin schwach geworden. Und jetzt stehen mir vier weitere Windeljahre bevor, obwohl ich gerade erst den Wickeltisch wieder in den Keller geräumt habe.


Vor meinem ersten Kind war mir nicht bewusst, wie uneingeschränkt meine Liebe zu diesem unbekannten Wesen sein würde. Dass ich alles, wirklich alles dafür täte, um unser Kleines zu beschützen. Es gab Tage, da wollte ich mir meinen Spatz in die Tasche stecken, damit ihm bloss nichts passiert. Und jetzt soll ich dieselben extremen Gefühle für ein zweites Baby empfinden?

Was wird mein Grosser davon halten? Er hat zwar keinen eifersüchtigen Charakter, aber was weiss ich schon, was so ein kleiner Schreihals in ihm auslösen kann. Obwohl er sehr fürsorglich mit seiner Mama ist, seit er weiss, dass sie ein Baby im Bauch trägt. Er stellt auch ganz viele Fragen, wie „Wo wird das Baby schlafen?“ oder „Du schnallst es im Auto auch an, nicht wahr?“, oder aber auch „Wo kommt denn das Baby raus?“ Da wird es schon komplizierter.

Ich mache mir jetzt einmal ein paar Gedanken zu der wohl oder übel kommenden Frage: „Wie ist das Baby denn da reingekommen?“ Hat jemand einen Tipp, wie man das einem Vierjährigen erklärt?

Illu: comicfactory.com

Erschienen in der Oktober-Ausgabe von wir eltern.

Montag, 22. September 2008

Keine Freiräume für Mütter


Mütter möchten mehr Freiraum, Väter tendieren zu altem Rollenverständnis. So sieht es trotz gegenteiligen Berichten in der Presse die "Vorwerk Familienstudie 2008".

Zwei Drittel der 1800 Frauen im Alter von 16 bis 29 Jahre wünschen sich mehr Raum für die eigenen Interessen, weg von Kind und Küche. Was zu erwarten war. Umso erstaunlicher scheint die Meinung der gleichaltrigen Männer. Nur jeder Dritte findet Freiräume für Mütter wichtig. Der Ehekrach ist vorporgrammiert.

Bei der Hausarbeit ist das Ergebnis wie erwartet: Drei Viertel der Frauen bewältigen den Haushalt vorwiegend alleine, 30% gibt zu, dass dies schon zu ernsthaften Krisen mit dem Partner geführt hat. Sonst was Neues?

Studie: www.vorwerk.com


Ratschläge einer Grossmutter


Wir lieben unsere Mütter. Vor allem seit wir selber Kinder haben, weil wir hoffen, dass uns unsere Kinder auch als Erwachsene noch lieben werden. Aber manchmal...


Nerv!!!! Habe wiedermal zuviel Zeit mit meiner Mutter verbracht. Versteht mich nicht falsch, wir haben ein super Verhältnis. Telefonieren jeden Tag und erzählen uns viel. Aber sie ist ja jetzt nicht mehr nur meine Mutter, nein, sie ist auch Grossmutter. Und da hört der Spass auf.

Seit wir Nachwuchs haben, lässt sie mich wieder vermehrt spüren, dass ich doch noch nicht ganz so erwachsen bin, wie sie es sich wünschen würde. Bzw. nicht so verantwortungsbewusst. Und zwar weil es schon mal vorgekommen ist, dass mein Sohn seine Unterhose verkehrt rum anhat. Dazu möchte ich nur erwähnen, das sich mein Viereinhalbjähriger eben selber anzieht und nicht wie ich noch mit 7 nicht wusste, wie man die Beine nacheinander in eine Hose steckt.

Aber dieses Wochenende hat sie "den Vogel abgeschossen". "Darf ich dir mal was sagen, dass mir seit ein paar Tagen auf dem Herzen liegt?" Da weiss ich jeweils schon, dass etwas kommt, was entweder mit meiner Figur oder mit meiner Rolle als Mutter zu tun hat. Letzteres traf diesmal zu.

"Als ich letzte Woche bei dir auf den Kleinen wartete (sie holte ihn bei uns zu hause ab, da er bei ihr essen sollte, ich war nicht da), sass ich auf dem Sofa. Als ich aufstehen wollte, blieb mein Fuss fast auf dem Parkett kleben."

O.k. Und?

"Na ja", fuhr sie fort, "schliesslich kommen andere Mütter manchmal zu dir nach Hause."

Stimmt. Und?

"Also ich würde mein Kind nicht gerne in eine Wohnung mitbringen, in der der Boden klebrig ist."

???

Nach erster Sprachlosigkeit (kein häufiger Zustand bei mir), konnte ich nur noch erwidern, dass die Mütter, mit denen ich verkehre, genauso klebrige Böden und Brösmeli aufzuweisen haben wir ich. Habe ich recht?

Normalerweise schalte ich bei solchen hirnverbrannten Bemerkungen auf Durchzug, da ich aber als Schwangere hormongesteuert durch die Gegend rennen, will mir das zur Zeit einfach nicht so gelingen. Und deshalb: NERV!!!

Mittwoch, 17. September 2008

Weggezappt!

Immer mehr Schweizer Familien verzichten bewusst auf den Altar im Wohnzimmer. Ihr Alternativ-Programm? Leben!


Fernsehen macht Kinder dumm, dick, lese- und spielfaul, ihr Vorstellungsvermögen und ihre Sprachfähigkeit leidet, ihre Intelligenzentwicklung stagniert, ausserdem ruft es Asthma, Seh- und Haltungsschäden hervor – das alles kann man in Studien lesen. Auch wenn da manches ein bisschen übertrieben klingt, so kann der Griff zur Fernbedienung jedenfalls nicht als Sport bezeichnet werden und das Auswendig-Kennen des TV-Programms gilt nicht als intellektuelle Höchstleistung. Für einige Pädagogen ist schon lange klar, was Eltern zu tun haben: "Schafft den Fernseher ab!"

Doch sind sich nicht alle Experten über die Schädlichkeit des Fernsehens einig. Für Céline Langeberger, Kinderpsychologin an der Universitätsklinik in Lausanne, ist Fernsehen nur für Kleinkinder unter drei Jahren wirklich schädlich – dass einige Sender eigene Programme für Babies ab dem ersten Lebensjahr ausstrahlen, ändert an Langebergers Ablehnung nichts. Ab dem vierten Lebensjahr dagegen komme es sehr darauf an, wie das Medium genutzt wird, sagt die Psychologin. Kleine Portionen könnten dem Kleinkind viel bringen, sofern auf altersgerechte Sendungen geachtet werde. Wichtig sei, das Gesehene mit dem Kind zu besprechen, um dessen Eindrücke wahrzunehmen. Hierfür kommen Eltern nicht daran vorbei, die Sendungen mit den Kindern zusammen anzusehen.

Statt mit ihren Kleinen Kinderkanal zu schauen, verzichten jedoch manche Eltern auf ihre eigenen Lieblingssendungen und schaffen den Fernseher ganz ab. Die Einschaltquoten sinken, die Zahl der freiwilligen Nichtfernseher steigt, auch wenn sie niemand genau beziffern kann. Offizielle Statistiken existieren nicht. Wer sind denn die Nichtfernseher des dritten Jahrtausends? Weltfremde, fortschrittfeindliche, birkenstocktragende Moralapostel? Intellektuelle, denen die Gebühren zu schade sind, nur um ARTE zu sehen?

Lieber etwas unternehmen
Die Vermutung liegt nahe, dass Nichtfernseher bereits ohne TV aufgewachsen sind, sie dieses Medium also gar nie als Teil ihres Lebens sahen. Yvonne Guldimann aus Seewen kann sich jedoch sehr wohl an den Fernseher in ihrem Wohnzimmer erinnern, als sie noch ein Kind war. Sie durfte jedoch nur sehr wenig schauen. In den Wohngemeinschaften ihrer Studentenzeit hat sie dann einen ganz anderen Umgang mit dem Fernseher kennengelernt: Kaum waren ihre Mitbewohner zu Hause, schalteten sie schon die Kiste ein. Der Fernseher war für sie nichts anderes als Radio mit Bild. Yvonne Guldimann fand es eher schrecklich. Sie selber konnte sich für dieses Medium nie begeistern. «Mir nimmt diese Dauerberieselung Raum und Aufmerksamkeit, diese Pseudo-Betriebsamkeit verhindert in meinen Augen tolle Unternehmungen und echte Erlebnisse.»

Heute lebt Yvonne Guldimann mit zwei Kindern (das dritte ist unterwegs) und dem Vater der letzten beiden auf einem Bauernhof am Stadtrand. Sie gehören zu der Sorte Nichtfernseher, die ihre Freizeit lieber anders gestalten als mittels TV-Programm. Regelmässig reisen die Eltern von Iria und Orienga nach New York und treten mit ihrer Ethno-Pop-Band "1001Ways" auf. Wenn sie nicht gerade singt, arbeitet Frau Guldimann als Lektorin und ist "nebenbei" noch Hausfrau.

Auf die Frage, wie denn ihr "Alternativprogramm" zum Fernsehen aussehe, antwortet die bald dreifache Mutter: "Programm? So etwas haben wir nicht! Wir leben einfach!" Ihre Kinder doppeln nach mit einer nicht enden wollenden Liste von Aktivitäten, bei denen man sich fragt, ob andere Familien denn nicht die gleichen Dinge tun: Gartenarbeit, zeichnen, lesen, Musik hören oder musizieren, telefonieren, klettern, Fussball spielen, Briefe schreiben, im Stall helfen, Computerspiel spielen, Traktor fahren.

Ob sie denn nichts vermisse? Die 12-jährige Iria zuckt die Schultern. "Nein, eigentlich nicht. Meine Freundinnen erzählen mir in der grossen Pause die letzte Folge von 'Wege zum Glück' und so kann ich mitreden. Es nervt nur manchmal, dass Freunde von mir viel später ins Bett müssen, weil sie noch 'CSI' sehen dürfen." Ob sie denn die besprochenen Figuren nicht auch mal sehen möchte? "Als Leseratte bin ich es gewohnt, meine Fantasie spielen zu lassen", meint sie abgeklärt. Schockiert über das Fehlen eines Fernsehers sei bis jetzt nur ein Freund des 7-jährigen Orienga gewesen. Worauf dieser seinen fernsehlosen Kameraden zu sich einlud, fern zu sehen. Orienga wollte aber lieber noch länger draussen spielen.

Zufriedene Menschen
Familie Guldimann mag ein bisschen aussergewöhnlich sein. Doch in einem ist sie ganz typisch: Der deutsche Kommunikationswissenschaftler Peter Sicking hat nämlich festgestellt, dass Nichtfernseher ausgesprochen zufriedene Menschen sind. Manche hätten schlicht keine Zeit, fern zu sehen. Andere verzichten bewusst auf den Konsum, weil sie andere "Hobbies" bevorzugten. Allerdings existiert laut Sicking auch eine Gruppe von Nichtfernsehern, die sich zwingen, aufs Fernsehen zu verzichten: Sie wissen, sie würden sonst süchtig.

Eliane Schneider beschreibt ihren neunjährigen Robin manchmal als "für die Aussenwelt nicht mehr erreichbar". Robin hockt dann auch vor einem Bildschirm, aber es ist kein Fernseher, sondern ein Computer, und Robin guckt dann nicht "Die wilden Kerle", sondern spielt ein Game. Der 9-jährige darf mit einer gewissen Regelmässigkeit an den Computer, um zu spielen. Fernsehen dagegen kann Robin nicht, genauso wenig wie seine beiden Geschwister – bei den Schneiders gibt es keinen Fernseher. Ist das nicht inkonsequent? Überhaupt nicht, findet Eliane Schneider: "Bei seinen Computerspielen ist er im Gegensatz zum Fernseher wenigstens aktiv und trainiert seine Reaktionsfähigkeit."

Wie steht es denn mit dem Vorurteil, Nichtfernseher seien fortschrittsfeindlich und technophob? Peter Sickings Studie unterstützt dies jedenfalls nicht. Die meisten Nichtfernseher nutzen Computer & Co. und wissen, dass auch ihre Kinder früh den Umgang mit den neuen Kommunikations-Techniken üben müssen.

Doch der Fernseher gehört eben für manche Eltern nicht unbedingt dazu. Die Familie Schneider lebt seit jeher ohne Fernseher, einen zu besitzen war nie ein Thema. Studium, Reisen und ein reges soziales Leben brachten den Fernseher einfach nie auf den Plan, so dass es auch nie etwas zu vermissen gab.

"Die Kinder dürfen bei Nachbarn und Freunden schauen, wenn auch bitte nicht zuviel", meint Jean-Daniel Fivaz, der Vater der Schneider-Kinder. Überraschenderweise hat der 9-jährige Robin eine sehr vernünftige Einstellung dazu. "Fernsehen ist nicht alles im Leben, ich habe auch andere Hobbies", meint er dann auch ziemlich selbstsicher. Obwohl es auch schon Phasen gab, in denen er sich seine Freunde bewusst nach deren TV-Konsum ausgesucht hat. Heute diskutiert er mit Freunden einfach mit, auch wenn er besagte Sendung gar nicht kennt. "Ein paar Mail zuhören und du weisst Bescheid. Ich möchte ja kein Outsider sein." In Sachen Filmen ist er sogar ein Insider, denn er schaut sich mit der Familie einmal wöchentlich einen neuen Film auf DVD an.

Keine vernünftigen Gründe
Merlin (6) und Jasper (2) dürfen ebenfalls ab und zu eine DVD sehen, oder bei den Grosseltern auch mal länger vor der Kiste sitzen. Besonders der grössere ist begeisterter TV-Gucker, "Bob der Baumeister" sein Liebling. Nach diesen Fernseh-Marathons merke sie aber jedes Mal, wie "abgelöscht" ihre Kinder seien, sagt Aleksandra Crossan. Für den Besuch der Reporterin hat sie extra eine Broschüre rausgelegt: "Neugeborene unter dem Einfluss von TV und Handy" steht auf dem Titel. Die 32-jährige Choreographin und ihr Mann sind überzeugt, es gebe "keinen einzigen vernünftigen Grund", einen Fernseher zu besitzen: "Die meiste Zeit kommt nichts Schlaues und es hält uns davon ab, interessante Gespräche zu führen und unseren Kindern die Welt näherzubringen!"

Vor allem für ganz kleine Kinder sei der Fernseher (und auch andere elektronische Apparate) doch einfach nur schädlich, findet die Zürcherin amerikanischer Herkunft. Bereits die Tatsache, dass sie ihr Büro im Wohnzimmer hat, sei eigentlich schon zuviel. Ihren Handy-Konsum möchte sie in Zukunft sowieso einschränken.

Wie steht es denn um den Informations-Stand? Weiss man in einem Leben ohne Fernseher überhaupt noch Bescheid, was in der Welt läuft? Da haben Merlins Eltern die gleiche ruhige Einschätzung wie die Familien Guldimann und Schneider: In Sachen Aktualität verpassten sie nicht das Geringste. Sie informierten sich in Zeitungen, Zeitschriften und oft auch im Internet über das Tagesgeschehen. "Die täglichen News im Fernsehen informieren auch nicht umfassender, sie beeinflussen einen höchstens negativ", ist Aleks Crossan überzeugt.

Das sollte sie vielleicht nicht unbedingt Annette Huber erzählen. Die 28-Jährige wuchs zwar ebenfalls ganz ohne Fernseher auf. Und sie bereut die fernsehlose Kindheit nicht. Sie las viel, unternahm täglich etwas mit dem Hund und das Grösste waren dann immer die Geschichten ihres Vaters, abends, bevor sie ins Bett musste. Allerdings: Ihre Mutter erinnert sich, dass Annette aus einer Kartonschachtel einen Fernsehapparat gebastelt hatte. "Hinter diesem Bildschirm las sie dann die Nachrichten." Annette ist heute Journalistin beim Schweizer Fernsehen.

Erstmals erschienen in der Balser Zeitung, September 2008
Text: Nathalie Sassine

Experten-Interview mit Daniel Süss, Medienpsychologe.

Experten-Interview

"Der Fernseher kann einen gewissen "Nährwert" haben."

Daniel Süess ist Medienpsychologe an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften.



Von Nathalie Sassine

baz: Ist der Fernseher im Leben eines Kindes gleichzustellen mit Süssigkeiten: Je weniger, desto besser?

Daniel Süess: Nein, denn im Gegensatz zu Süssigkeiten kann der Fernseher einen gewissen "Nährwert" beinhalten, schliesslich gehört er zu unserer Medienlandschaft und prägt die Gesellschaft nachhaltig. Auch Kinder sollten eine gewisse Medienkompetenz erlernen und hierfür muss ihnen der Umgang mit dem Fernseher gestattet sein. Ein Kind kann sich auch eine Sprache nur aneignen, wenn mit ihm gesprochen wird, anders geht es nicht. Kinder bringen grundsätzlich alles mit, um mit audiovisuellen Medien umzugehen, wenn man sie jedoch davon abschirmt, verhindert man diesen Lernprozess.

Gibt es Nachteile für Kinder, die ohne Fernseher aufwachsen?

Es kommt heute natürlich darauf an, wie ihre Medienwelt sonst aussieht. Eine Familie, die überdurchschnittlich viel ins Kino geht, viel liest oder viele Hörspiele hört, vermittelt ihren Kindern ja auch Geschichten, die Kinder verpassen nichts. Ausser vielleicht den fehlenden Umgang mit dem Fernseher, der in unserer Gesellschaft auch ein Leitmedium darstellt.

Fernsehen ist also nicht nur Unterhaltung und Berieselung?

Keineswegs. Für Schulkinder gibt es heute gute Info-Sendungen, von denen sie sehr viel lernen können. Die Frage ist eher, ob der Fernseher sehr zentral in der Familie ist und das abendliche Schauen ein unumstössliches Ritual. Kinder müssen wissen, dass es auch andere Aktivitäten gibt, als fern zu sehen.

Wo fängt Fernsehsucht bei Kindern an und wie weit kann sie gehen?

Sucht wird immer ähnlich klassifiziert. Indikatoren für eine Sucht sind etwa ein Unwohlsein, das sich einstellt, sobald man eben mal nicht vor dem Fernseher sitzt. Oder wenn man die Anzahl Stunden, die man fern sieht, vertuscht oder gar die Familie anlügt und heimlich anderswo schauen geht. Auch das Vernachlässigen von Beziehungen, Hygiene und Nahrungsaufnahme sind ein sicheres Indiz für eine Sucht. Ein weiterer Indikator sind mehrere Geräte im Haushalt, um ja nichts zu verpassen.

Haben Sie konkrete Tipps für Eltern, wie mit dem Fernseher in der Familie umzugehen ist?

Sie sollten generell Regeln aufstellen, wann und wie oft der Fernseher eingeschaltet werden soll. Mit DVDs und Videos anfangen und zusammen mit den Kindern schauen. Gerade Kleinkinder brauchen Wiederholungen, um den Sinn einer Sendung zu erfassen. Ausserdem sollte man die Zeit im Griff behalten. Kleinkinder eine halbe Stunde, Schulkinder ab einer Stunde, je grösser, je länger, aber nicht jeden Tag. Man sollte die Limiten und Programm zusammen besprechen, konsequent einhalten und die gesehene Sendung besprechen. Und, ganz wichtig: Fernsehen ist kein Mittel gegen Langeweile! Diese gehört zum Leben manchmal einfach dazu.

TV-Tipps für die Kleinen: www.flimmo.tv

Ohne mich – Virtuelle Freunde

Ich habe Freunde. Eine Hand voll. Früher hatte ich mehr, viel mehr. Aber mit dem Alter kommt die Karriere, dann die Kinder, was auf viel Zeitaufwand und wenig Zeit für Freunde hinausläuft. Das Internet bietet jedoch – wie für Kaninchenzüchter, Gesundheitsapostel und Abmagerungsfanatiker – auch für Menschen mit wenig Freunden eine Lösung: facebook.com.


Da finden Sie im Null-Komma-Nichts vieeeeele Freunde. Und erfahren alles über ihre Hobbies, Jobs, persönliche Favoriten in jedem Bereich. Sogar über die Aktivitäten dieser “Freunde” finden Sie allerlei Infos. Und sehen, wieviele “Freunde” Ihre “Freunde” haben. Da gibt es Leute, die haben über 2000 solcher “Friends”! Aber keine Zeit, sie zu treffen… Virtual Reality vom Feinsten.

Nun frage ich mich aber: Wieso sollte sich irgend jemand dafür interessieren, dass ich am liebsten Büchsen-Pfirsiche esse, während ich “Desperate Housewives” schaue? Oder dafür, “wer ich in meinem früheren Leben war”? Oder gar dafür, “was ich tue, wenn mich niemand sieht”, nämlich Büchsen-Pfirsiche vor dem Fernseher essen?

Ist es denn nicht so, dass ich die Zeit, die ich mit facebook.com vergeude, lieber beim Apéro mit echten Freunden verbringen sollte? Mit echten Gesprächen, echten Drinks und echten Lachern? Ich finde schon, und deshalb werden Sie mich nie auf einer solchen Plattform finden, für meine Freunde brauche ich kein Verzeichnis. Was facebook.com nämlich nicht kann, ist mich in den Arm nehmen und trösten, wenn die aktuelle Staffel von “Desperate Housewives” schon wieder zu Ende ist.

Erstmals erschienen in der Balser Zeitung, August 2008
Text: Nathalie Sassine


Baby-Tagebuch: Nestbauer

Trotz Schlafmangel, Rückenschmerzen und allen Unannehmlichkeiten des dritten Drittels, etwas Gutes kann ich den letzten zwei Monaten Schwangerschaft abgewinnen: den Nestbauer-Trieb. Ausser, dir ist ein iPhone wichtiger.


Noch ganze zwei Monate bis zum grossen Tag. Mir reicht’s jetzt schon. Ohne undankbar klingen zu wollen, schliesslich habe ich eine wirklich einfache Schwangerschaft (bis jetzt) ohne Komplikationen, aber die letzten acht Wochen würde ich mir schenken. Atemnot, Schlafstörungen, das Gefühl, einen Medizinball verschluckt zu haben... es gibt schöneres, glaubt mir!

Der einzig nützliche Nebeneffekt des letzten Schwangerschafts-Drittels ist dieser Nestbauer-Trieb, den angeblich jede schwangere Frau entwickelt. Bei mir ist er sehr ausgeprägt. Was sich darin spiegelt, dass ich am liebsten jeden Tag die Wohnung putzen würde (wenn mein Rücken mitmachen würde). Und zwar auch die hintersten Ecken und die versteckten Dreckablagerungen.

Ausserdem „bastle“ ich täglich am Kinderzimmer unserer zukünftigen Tochter herum. Ich habe schon angefangen, Baby-Sachen zu waschen, Schubladen zu ordnen und natürlich war ich auch schon beim Schweden wegen der süssen und bezahlbaren Baby-Accessoires. (Boutiquen habe ich ebenfalls durchforstet, aber eine Patchwork-Decke für CHF 450.-??? Heute nicht, danke!)

A propos Baby-Accessoires: wir hatten bereits den grössten Streit mit meinem Grossen (dem ganz Grossen), über die Dringlichkeit meiner Einkäufe. Wäschekorb: nötig. Süsse Ente mit Taschen für an die Wand: unnötig. Kleiderschrank: nötig. Klitzekleine Boxen für allerlei Ware: unnötig. So zumindest sein Urteil. Aber was weiss ein Mann schon? Er denkt schliesslich auch, sein iPhone sei wirklich unbedingt dringend nötig...


Mittwoch, 10. September 2008

SVP bringt Kids zum heulen

Die SVP trägt wiedermal dick auf. Mittels einer Plakatkampagne stellt die Luzerner Partei das HarmoS-Projekt als Kindesmisshandlung dar. Und behauptet erst noch (auch dies nicht zum ersten Mal) Unwahrheiten in Bezug auf diese Schulreform, über die viele Kantone in den nächsten Monaten abstimmen werden. Tages Anzeiger von heute:In ihrem Kampf gegen moderne Schulen behauptet die SVP, Problemkinder würden künftig das Niveau der Schulen nach unten reissen. Stimmt das so?

Von David Schaffner

Wer durch die Strassen im Kanton Luzern geht, könnte meinen, die Schweizer Kinder würden nächstens von einem grässliches Schicksal ereilt werden: Auf Plakatwänden sind überall weinende Mädchen und Buben zu sehen, die die Passanten mit flehentlichen Blicken fixieren. Wer dabei denkt, es handle sich um eine Kampagne gegen häusliche Gewalt, sieht sich aber getäuscht: Der Absender der Botschaft, die SVP, kämpft mit den heulenden Kleinen gegen Harmos und will so moderne und einheitliche Schulen verhindern. In Luzern findet am 28. September nach Glarus die zweite Abstimmung über die interkantonale Vereinbarung statt. Weitere Kantone wie Zürich folgen im November.

Die Luzerner SVP macht aber nicht nur mit weinenden Kindern Stimmung, sondern auch mit irreführenden Argumenten. So behauptet die Partei in einem Inserat, dass in den Luzerner Zeitungen erschienen ist: «Das Leistungsniveau wird schlechter, denn die Sonderklassen werden aufgehoben, die Sonderschüler in die Normalklassen gesteckt. Die normalen Kinder erhalten somit schlechtere Bildungschancen.» Tatsächlich hat das Konkordat mit der Aufhebung von Sonderklassen nichts zu tun. «Die SVP vermischt in ihrer Kampagne alle möglichen Reformen, die keinen Zusammenhang mit Harmos haben», stellt Olivier Maradan klar. Er ist bei der Konferenz der kantonalen Bildungsdirektoren zuständig für Harmos.

Ganzer Artikel auf tagesanzeiger.ch

Ausserdem: Daniel Binswanger zum Thema im Magazin

Die Befürworter von Harmos

Die Gegner von Harmos


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