Donnerstag, 26. Juni 2008

Der Mann, das unbekannte Wesen

Beobachter: Viel mehr Männer als Frauen haben keine Kinder - und wollen auch keine. Sind Männer einfach egoistischer, desinteressierter und mutloser?

Von Yvonne Staat

Die kinderlose Frau steht unter strenger Beobachtung - spätestens seit in Europa die Angst vor der vergreisenden Gesellschaft umgeht, seit besorgte Demographen vor kollabierenden Sozialsystemen warnen. Die Frau wird dafür verantwortlich gemacht. Dass die Kinderfrage in Partnerschaften entschieden wird, ist in der Öffentlichkeit kein Thema. Der kinderlose Mann ist in den Diskussionen um die sinkende Geburtenrate bislang eine unbekannte Grösse.

«Landesweit gilt die Überzeugung: Wer die Gebärmutter hat, hat die Verantwortung.» So erklärt sich die Hamburger Journalistin Meike Dinklage das Desinteresse der Forschung daran, wie Männer mit der Kinderfrage umgehen. In ihrem Buch «Der Zeugungsstreik» kommt sie zum Schluss: «Es sind die kinderlosen Frauen, die für den Geburtenrückgang verantwortlich gemacht werden. Gebärstreik, das Wort kursiert ewig, Zeugungsstreik, davon hat man noch nie etwas gehört. Man nimmt an, die Frauen streiken, weil sie Kinder und Beruf nicht vereinbaren könnten. Dabei gibt es ein zweites Vereinbarkeitsproblem, es liegt in der Psyche des Mannes und lautet: Will ich jetzt ein Kind oder doch lieber später bis nie?»

Männliche Schreckensszenarien
Konzentriert man sich nur auf die wenigen Zahlen, die in den letzten Jahren rund um den Mann ohne Kind gesammelt wurden, hat Dinklage recht: Viel mehr Männer als Frauen haben keine Kinder, sie schieben eine Elternschaft länger auf als Frauen und entscheiden sich immer häufiger zur dauerhaften Kinderlosigkeit als eine Art Lebensentwurf. Ein Viertel der Männer im Alter zwischen 45 und 50 Jahren ist kinderlos - bei den Frauen im selben Alter sind es nur halb so viele. Und es ist nicht etwa so, dass diese Männer allesamt potentielle Spätväter sind. Die erstmalige Vaterschaft ist, statistisch gesehen, ab Mitte 40 ein äusserst seltenes Ereignis.

Warum Männer auf Kinder verzichten, ist nicht erforscht. Und wo klare, differenzierte Antworten fehlen, sind Klischees nicht weit: Die einen sehen im kinderlosen Mann den Egoisten, der lieber Cabrio fährt, als Kinderwagen zu schieben. Oder den Zauderer, der nicht den Mumm hat, sich festzulegen (beides «Frankfurter Allgemeine online»). Für einige ist der Kinderlose ein in seiner Rolle zutiefst erschütterter Mann, dem der «Zeugungsstreik» als letztes Mittel bleibt, seine emanzipierte Frau im Zaum zu halten («Spiegel»). Andere wiederum erkennen in ihm einen Typen mit simplem Männlichkeitsideal, für den nur der Marlboro-Mann ein echter Kerl ist («Zeit online»).

Eine schöne Typologie, nur leider unbrauchbar, weil die Realität viel komplexer ist. Beat Hürzeler, 44, Geograph aus Bern, ohne Kind, ohne feste Partnerin, dafür der festen Überzeugung, er sei «noch nicht fertig», er sei «noch am Suchen», könnte man leicht als einen dieser Egoisten abstempeln. Er sagt, er habe schon immer gewusst, dass er keine Kinder wolle, er spüre einfach keinerlei Bedürfnis danach. Hürzeler war einige Male als Hilfsleiter bei Schullagern dabei und arbeitete zeitweise als Lehrer. Obwohl er sagt, dass Kinder ihn glücklich machen, «weil es super ist, sie zu unterstützen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie immer willkommen sind», sieht er sich nicht als Vater. «Ich kann kein Vater sein, weil ich nicht linear und stabil leben kann und möchte», meint er. Das habe nichts mit Egoismus oder Zeugungsstreik zu tun. «Es ist mein Charakter.»

Kinderlosigkeit als reflektierter, emotionsloser Entscheid. Wie andere sich entscheiden, aufs Land zu ziehen, weil sie nichts mit dem Leben in der Stadt anfangen können. Kinderlosigkeit als Desinteresse an der Vaterschaft. Glücklich ohne, so einfach ist das.

Manchmal ist das Desinteresse auch nur vordergründig, und dahinter steckt ein abschreckendes Bild von Vaterschaft, ein Bild voller Gefahren und Pflichten. «Es sind eher Männer aus der älteren Generation, die so denken. Einige dieser Männer haben sich sogar unterbinden lassen, weil sie sich Schreckensszenarien ausmalen von sich als Familienernährer, mit Kindern und Reihenhaus im Vorstadtmilieu», sagt Diana Baumgarten, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Gender Studies der Universität Basel. Sie arbeitet an einem Forschungsprojekt mit dem Titel «Warum werden manche Männer Väter, andere nicht? Bedingungen von Vaterschaft heute». Baumgarten sagt: «Jüngere Männer sind oft freier in ihren Bildern vom Vatersein als ältere, sie suchen eher nach Gestaltungsmöglichkeiten, probieren mehr aus.»

Wie eine alte, verwitterte Mauer bröckeln die starren Rollenmuster und damit auch das Bild des Mannes als Alleinernährer. «Die Geschlechterverhältnisse sind auch für Männer in Bewegung geraten. Manche sind verunsichert, viele erleben es als Befreiung», sagt die Wissenschaftlerin. Trotzdem wird diese traditionelle Rolle des Ernährers immer noch herangezogen, um die sinkende Lust der Männer auf Nachwuchs zu erklären: Für das Selbstverständnis der Männer sei es nach wie vor von eminenter Bedeutung, dass sie es sich leisten können, eine Familie zu ernähren. Und weil das angesichts der schwierigen Arbeitsmarktlage der letzten Jahre nicht einfacher wurde, hätten die Männer das Kinderkriegen ewig vor sich hergeschoben.

Bis zum Nimmerleinstag aufschieben
Sicher denken einige kinderlose Männer so. Aber da sind inzwischen eben auch die anderen, die das Kinderkriegen zwar ebenfalls vor sich herschieben, bis ihre berufliche Situation stabil ist - aber genau aus dem gegenteiligen Grund: Weil sie abwarten, bis sie genug verdienen, um nur noch Teilzeit zu arbeiten. Weil sie sich Zeit für die Familie nehmen wollen. Stefan Marcec ist so einer, der «im Job unbedingt runterschrauben» will, um sich um den Nachwuchs zu kümmern, wenn der erst einmal da ist. Der Gymnasiallehrer ist 37, kinderlos und Single. «Familie ist für mich etwas Heiliges, ich möchte mich intensiv daran beteiligen», sagt er. Bis vor kurzem sei das nicht möglich gewesen, er habe studiert, verschiedene Berufswege ausprobiert, kurze Partnerschaften gehabt, insgesamt eine stürmische Zeit. Jetzt fühle er sich reif: «Ich habe im Leben Klarheit erreicht, nun kann ich mir vorstellen, Kinder in diese Welt zu setzen.»

Es gibt Männer, die - wie Stefan Marcec sagt - «irgendwie, irgendwo, latent» einen Kinderwunsch in sich tragen und im richtigen Moment sagen: Jetzt will ich! Doch was, wenn der richtige Moment nie kommt? Liegt das wirklich an der «Entscheidungsschwäche» der Männer, die aus «Unsicherheit sich selbst und dem Leben gegenüber» das Kinderkriegen bis zum Nimmerleinstag aufschieben, wie Dinklage in ihrem Buch behauptet?

Die Partnerin stellt ein Ultimatum
Baumgarten widerspricht: «Natürlich gibt es Männer, die Kinder wollen und diese dann auch kriegen. Bei anderen ist der Kinderwunsch dagegen ähnlich abstrakt wie der Wunsch, irgendwann einmal Klavierstunden zu nehmen. Im Gegensatz zu vielen Frauen spüren sie keine Dringlichkeit oder Notwendigkeit, den Wunsch zu konkretisieren. Das hat aber weniger mit Entscheidungsschwäche zu tun als mit der Idee, dass sie auch in zehn Jahren noch Kinder kriegen können.» Diese Männer werden häufig Vater, weil ihnen die Partnerin ein Ultimatum stellt, sagt Baumgarten. Daniel Perret hatte das Gefühl, selbst «noch ein Kind zu sein», als seine Partnerin ein Kind wollte. Damals war er 23, heute ist er 25 und Vater einer bald anderthalbjährigen Tochter. Seine Frau habe ein «junges Mami» sein wollen. «Ihr Kinderwunsch war so ausgeprägt, dass ihr Unterleib zu schmerzen begann. Entschied ich mich gegen ein Kind, entschied ich mich für die Schmerzen meiner Frau - was ich auch zu hören bekam. Über ein Jahr war die Kinderfrage der Knackpunkt unserer Beziehung.» Irgendwann gab Daniel Perret nach. «Als wir nicht mehr verhüteten, spürte auch ich plötzlich einen konkreten Kinderwunsch.»

Frauen sind einmal im Monat mit ihrer Fruchtbarkeit konfrontiert, Mutterschaft ist für sie etwas sehr Reales, Körperliches. Vielleicht erleben deshalb viele Frauen den Kinderwunsch wie ein tiefes, sicheres Gefühl. Markus Theunert, Präsident von Männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen, ist der Ansicht, dass kein Mann von sich aus einen Kinderwunsch äussere: «Die Frage, Familienvater zu werden, hat in der Realität der Männer kaum einen Stellenwert. Im Normalfall entscheidet die Frau.»

Kein Normalfall sind demnach Bänz Friedli und Martin Lengwiler. Sie sind die Ausnahme, die Einzelfälle, um die es in der Familiendebatte eigentlich gehen sollte. Weil sie demonstrieren, wie die schönen Theorien über «Zeugungspflicht» und «Zeugungsstreik» scheitern, sobald man sie an der Realität misst. Martin Lengwiler, 41, seit acht Jahren verheiratet und seit anderthalb Jahren Vater eines Sohnes, machte das, was normalerweise die Frauen tun: Der Historiker suchte lange nach Wegen, wie er seine akademische Karriere mit einer Familie vereinbaren könnte. Als sich ihm endlich die Chance bot, an einem Forschungsprojekt mit flexiblen Arbeitszeiten teilzunehmen, überzeugte er seine Frau. «Sie wollte gar nicht zwingend ein Kind.» Noch bevor das Kind da war, machte er mit seiner Frau einen Deal: Er arbeitet Teilzeit, sie 100 Prozent. «Ich übernahm mehr Mutterpflichten und sie mehr Einkommenspflichten.» Bänz Friedli, 43, wollte schon als Teenager Kindergärtner werden und wusste mit absoluter Sicherheit, dass sein Sohn mal Luca heissen soll. Inzwischen hat der Journalist und Kolumnist eine neunjährige Tochter und einen siebenjährigen Sohn, der nicht Luca heisst, sondern Hans. «Ein Softie, der gerne mit Puppen spielt und rosa Pullis trägt.» Das freue ihn, er selbst sei auch ein Softie, ein Frauenversteher, sagt Friedli. Er und seine Frau teilen sich die Haushalts- und Familienarbeit, mal macht er alles, mal ist sie daheim. «Ich finde es total sexy und männlich, eine Hausfrau zu sein, Socken zu stopfen und das Frühstück für die Familie vorzubereiten.»

Lengwiler und Friedli sagen von sich, sie seien «totale Kinderfans». Sie sehen das Kind nicht nur als Problem, das Geld, Karriere und Nerven kostet, sondern als «das Beste, was einem passieren kann», so Friedli. Soll man jetzt alle kinderlosen Männer auffordern, es den beiden gleichzutun, damit das Land endlich seinen Kindersegen bekommt? Besser nicht - diese Leier mussten sich schon die kinderlosen Frauen jahrzehntelang anhören. Das reicht.

Statements einzelner Männer findet ihr direkt auf beobachter.ch


Dienstag, 24. Juni 2008

Weil ich ein (pubertierendes) Mädchen bin...

Erinnert ihr euch an eure Pubertät? Oder habt ihr Teenie-Kinder? Dann dürfte euch folgender Artikel aus der Weltwoche interessieren. Sooo viel anders als damals ist es heute doch auch nicht oder? Wir fanden reden auch peinlicher als küssen...


Ganzer Artikel von Franziska K. Müller: Reden ist peinlicher als Küssen

Dienstag, 17. Juni 2008

Von Gesundheits-Predigten und -Sünden

Die Schule predigt uns gesunde Snacks für unsere Kinder. Und serviert gleichzeitig nur Schrott-Food an Automaten und in Kantinen. Ganz zu schweigen von Freizeitanlagen wie der Kinderzoo (!) Rapperswil, Badis oder sonstige Kiosks, wo Kinder regelmässig verkehren. Müssen wir jetzt alle Gesundheits-Apostel werden?

Obwohl ich mir vor meinem ersten Kind fest vorgenommen hatte, gehöre ich nicht zu den Müttern, die immer einen gesunden Z^Vieri dabeihaben. Fenchel, Kohlräbli und Radiesli sind mir zuwider und die Gemüserüsterei geht mir sowieso auf den Senkel. Als mein heute Vierjähriger noch kleiner war, hatte ich oft Früchte oder ähnliches dabei, Süsses gehörte bestimmt nicht dazu. Aber heute bin ich ehrlich gesagt zu faul, auch wenn ich weiss, dass diese Zeit mit dem zweiten Kind wieder auf mich zukommen wird.

Mit den ganzen Diskussionen, die um gesunde Ernährung geführt werden, würde ich erwarten, dass öffentliche Anlagen, die für Kinder bestimmt sind, auch kindergerecht geführt werden. Schöne Rutschbahnen und rutschsichere Bodenbeläge sind bestimmt wichtig, gehört ein gesunder Snack am Kiosk aber nicht genauso dazu?

Artischocke versus Schoggikuchen
Im Kindergarten bombardieren sie einen mit Flyern zu gesunden Z'Nünis, mein Favorit darunter ist und bleibt die Artischocke! Das stelle sich mal einer vor, wie wir unseren Kindern lauter Artischocken in die Chindsgitäschli stopfen! Und die Sauerei danach! Schliesslich weiss jeder, dass bei der Artischocke nach dem Essen mehr im Teller liegt als davor.

Und gleichzeitg gibt es beim Kerzenziehen – das vom Kindergarten organisiert wird – nur Kuchen und Süssgetränke. Scheint euch das logisch? Gibt es keinen Mittelweg?

In Frankreich fand ich es bis jetzt am Schlimmsten. Kindermenus werden aus Prinzip immer mit Cola serviert. Unser Sohn durfte bis heute gerade mal drei Schluck Cola trinken, als er Bauchschmerzen hatte. Und die war erst noch lauwarm und ohne Kohlensäure.

Beim Kinderzoo Rapperswil habe ich mich sogar schon mal schriftlich beschwert. Das Mail blieb unbeantwortet. Das Interesse der Zoo-Leitung an ihren zahlreichen Besuchern scheint sich auf das tierische Angebot zu beschränken. Dabei sollten gerade die ihre Speisekarte mehr als nur überdenken. Wienerli, Chicken Nuggets oder ähnlichen Mist, immer schön mit Pommes serviert. Wenn du etwas Gesundes essen willst, bleibt dir nur ein Salat aus der Büchse mit einer noch ekligeren Sauce aus der Flasche.

Wir werden also gezwung
en, bei jedem Ausflug ein Picknick dabeizuhaben. Vorausgesetzt, das Picknick darf in der jeweiligen Anlage überhaupt verzehrt werden.

Fazit: Meine Kinder dürfen ab und zu Junk Food essen. Aber dafür gibt es spezielle Lokale. Wenn ich einfach nur in die Badi möchte, hätte ich gerne auch etwas Gesundes zu Auswahl. Ob die Kids das dann essen, ist nochmal eine ganz andere Diskussion...

Auch unser Freund Bänz Friedli hat sich letzthin darüber aufgeregt. Lest selbst:

Sportschoggi
Apostel Bänz


Montag, 16. Juni 2008

Überforderte Schüler, verärgerte Eltern

Tages Anzeiger von heute: Schüler sollten die Hausaufgaben selbstständig erledigen können. So lautet die Theorie. Die Praxis sieht anders aus: Ohne die Hilfe der Eltern geht oft gar nichts.

Von Andrea Fischer

Sie sind seit jeher Zankapfel zwischen Eltern und schulpflichtigen Kindern: die Hausaufgaben. Neu ist aber, dass sich dieser Konflikt verschärft hat. Eltern klagen, die Hausaufgaben seien vielfach zu anspruchsvoll und überforderten die Kinder.

Mutter Elisa Keller* aus Zürich erinnert sich an ein besonders krasses Beispiel. Unlängst bekam ihre Tochter in der 5. Klasse den Auftrag, einen 50-minütigen Vortrag über ein Wildtier zu halten. Allein schon diese Längenvorgabe überfordere wohl die meisten Kindern in diesem Alter, ist Elisa Keller überzeugt. «Vom Lehrer gab es keinerlei Hinweise, wie man einen Vortrag aufbaut oder wie man sich die altersgerechten Informationen beschaffen kann.» Die Schüler hätten in der Klasse ein bisschen «gegoogelt», das wars. Völlig frustriert sei ihre Tochter gewesen, und für Elisa Keller ist klar: «Ohne meine Hilfe wäre es nicht gegangen.» Auch so sei der Aufwand noch sehr gross gewesen.

Ähnliches berichtet Willi Huber*. Die Hausaufgaben seiner Tochter seien oft nicht klar definiert und nicht strukturiert. «Das setzt eine Selbstständigkeit voraus, welche die meisten Primarschüler nicht haben.» Und Claudia Bianchi, Koordinatorin für die Aufgabenhilfe im Bernischen Laupen, doppelt nach. «Mein Sohn muss regelmässig Aufgaben lösen, für welche ihm die Grundlagen fehlen.» Diese würden von den Lehrern nicht erklärt oder nur «als Schnellbleiche, auf die guten Schüler ausgerichtet».

Unterricht nicht altersgerecht

Die Liste der Beispiele liesse sich beliebig fortsetzen. Ihnen gemeinsam ist, dass Eltern sich gezwungen sehen, den Kindern bei den Aufgaben zu helfen, da diese objektiv gesehen zu schwierig seien. Auch handelt es sich keineswegs um Einzelfälle, wie Fachleute bestätigen. So der Zürcher Schulungsberater und frühere Primarlehrer Richard Humm. Das Phänomen sei weit verbreitet, sagt er. Eine Ursache sieht Humm im heute vermehrt praktizierten offenen Unterricht, der oft nicht altersgerecht aufbereitet sei.

Dabei sollten Schülerinnen und Schüler die Hausaufgaben ohne Hilfe erledigen können. «So will es die reine Lehre», sagt Anton Strittmatter vom Schweizer Lehrerverband und so steht es landauf, landab in den Vorgaben der kantonalen Bildungsdirektionen. «Leider sieht die Praxis vielfach anders aus», stellt Sonja Karrer fest, Primarlehrerin und Mitglied von Schule und Elternhaus Bern. Manche Lehrer würden ganz bewusst auf die Unterstützung der Eltern zählen und die Hausaufgaben entsprechend ausrichten. Diesen Eindruck hat auch Mutter Elisa Keller. «Wir wohnen in einem Quartier mit vielen Akademikern, die ihre Kinder zu hohen Leistungen drängen. Das wissen die Lehrer, und entsprechend handeln sie.»

Schulungsberater Richard Humm fragt sich, wann die Eltern dagegen auf die Strasse gingen. Doch niemand muckst auf: Die Eltern ärgern sich zwar, gleichzeitig tun sie, was sie eigentlich lassen sollten: Sie helfen. «Man will sein Kind ja nicht hängen lassen», sagt dazu Vater Willi Huber. Andernfalls müsste man sich mit den Lehrern anlegen – davor schreckten viele Eltern zurück. Allerdings: Indem die Eltern schweigen, unterstützen sie das von ihnen kritisierte System – ja fördern es sogar. Denn so erfahren die Lehrpersonen nichts von der Kritik und haben keinen Anlass, ihre Hausaufgabenpolitik zu hinterfragen.

Aufgaben sollen motivieren

Das aber wäre dringend nötig. Wenn Schülerinnen und Schüler ihre Hausaufgaben nur mit Hilfe bewältigen können, dann sind jene im Vorteil, die Eltern haben, die ihnen dabei helfen können. Kinder aus tieferen sozialen Schichten sind dadurch benachteiligt, wie Bildungssoziologe Thomas Meyer sagt.

Was also wäre zu tun? «Hausaufgaben sollen motivieren, das wirkt sich insgesamt positiv auf die Leistung der Schülerinnen und Schüler aus», sagt Ulrich Trautwein vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Die Motivation scheint jedoch bei den Schweizer Lehrerinnen und Lehrern nicht im Vordergrund zu stehen. Zu diesem Schluss kam der Bildungsforscher, nachdem er Daten aus einer Schweizer Studie auswertet hatte. Dazu wurden Lehrer nach ihren Zielen bei der Hausaufgabenvergabe befragt.

Das erwähnte Beispiel des Tiervortrags liesse sich gemäss Trautwein sehr gut anwenden, um die Motivation zu fördern. Dazu müsste die Schule den Kindern Hilfestellungen anbieten, zum Beispiel dazu, wie sie sich ein Tier aussuchen, wo sie Informationen zum Tier bekommen oder wen sie dazu befragen könnten. Im Klartext: die Aufgabe den Fähigkeiten der Kinder anpassen. Gleichzeitig würde dies die Selbstregulation der Schüler fördern: Gute Schüler könnten trotzdem noch weitergehen bei der Aufgabenerfüllung.

Derzeit zeigt die Entwicklung in der Schweiz aber in eine andere Richtung, wie der Boom bei den Hausaufgabenhilfen und Privatschulen zeigt. Eine positive Tendenz sei aber in Bern festzustellen, sagt Sonja Karrer vom Verband Schule und Elternhaus: Die Diskussion um Elternunterstützung habe sich deutlich entspannt, seit die Zahl der Tagesschulen stark gestiegen ist. In den Tagesschulen können die Kinder nach dem Unterricht die Aufgaben machen und dabei Hilfe in Anspruch nehmen. Davon profitierten alle, sagt Lernforscher Humm, und die Unterschiede zwischen den Elternhäusern würden deutlich gemildert.

* Namen geändert

Weitere Artikel zum Thema im Tages Anzeiger: "Nachhilfe auch für gute Schüler" und "Ausbildung als Leistunssport"


Montag, 2. Juni 2008

Wie funktioniert richtige Erziehung?

Wie erziehe ich mein Kind richtig? Wann soll man reden, wann befehlen? Was kann man alles falsch machen? Es gibt tonnenweise Literatur. Die Weltwoche hat Fachleute und Mütter befragt.

Von Daniela Niederberger

Wie man es nicht machen soll, wissen wir alle. Im Tram sitzt ein kleiner Junge hinten auf dem Heckführerstand. Mit den Füssen kickt er gegen die Blechwand, was einen anständigen Krach macht. «Hör uf, Schätzeli», sagt seine Mutter und schwatzt mit der Kollegin. Das Schätzeli kickt weiter. «Hör uf, Lou, das stört die Leute.» Der Lärm hört nicht auf, ans Lesen ist nicht mehr zu denken. Nimm den Gof doch einfach runter, denkt der genervte Fahrgast.
Vor dem Kiosk brüllt ein kleines Mädchen so lange, bis sein Mami nicht mehr «Nein!» sagt, sondern seufzt: «Also gut, ausnahmsweise», und die Glace kauft. Viel Glück beim nächsten Kiosk, wünscht in Gedanken die Passantin.

Wie aber erzieht man sein Kind richtig? Man will, dass es gehorcht, und möchte doch kein Diktator sein. Man wünscht ihm Selbstbewusstsein und eine freie Entfaltung seiner Persönlichkeit und will dabei als Mutter und Vater nicht unter die Räder kommen. Man möchte es einbinden in Entscheide und doch nicht dauernd Grundsatzdiskussionen führen.

Früher war es einfach. «Da machte man es, wie es schon die Eltern gemacht hatten», sagt der Zürcher Pädagogikprofessor Jürgen Oelkers. «Die Grundregeln der richtigen Erziehung wurden über die Generationen weitergegeben. Das ist vorbei.» Wir leben in Zeiten, wo es keine Konventionen mehr gibt. «‹Man tut doch . . .›, ‹So gehört es sich . . .›, das ist alles aufgelöst», sagt Martin Inversini. Er leitete fast vierzig Jahre lang die Erziehungsberatung Langenthal. Da konnte er die Veränderungen gut beobachten. Er spricht von einer «grossen Unsicherheit». Heute muss jedes Paar für seine Kernfamilie die Erziehung quasi neu erfinden. Das ist anstrengend und kann verwirrend sein. Wohl deshalb boomen Erziehungskurse und gibt es eine solche Fülle an Ratgeber-Büchern. Doch was gilt, wenn ein Ratgeber dies rät, der andere das?

Manche Pädagogen sagen, es gebe kein richtiges oder falsches Erziehen. Sie scheuen Rezepte und Tipps wie der Teufel das Weihwasser. Und doch, das ist unbestritten, gibt es Kinder, die kooperativ, verlässlich, offen, zutraulich, selbstbewusst und anständig sind. (Sie sind sicher in der Mehrheit.) Und es gibt Kinder, die sind das nicht. Irgendetwas müssen die einen Eltern also richtig machen und die anderen falsch. Es muss irgendwelche ewigen Werte des guten Erziehens geben.

In Gesprächen mit Eltern und mit erfahrenen Erziehungsberatern, Elternbildnerinnen und Jugendberatern haben sich folgende Punkte herauskristallisiert:

Liebe und Geborgenheit

Man mag sagen: Logisch, alle Eltern lieben doch ihre Kinder. Oder jedenfalls fast alle. «Aber zeigen sie es immer?», fragt Kathie Wiederkehr. Sie leitete im Kanton Zürich die Kampagne «Stark durch Erziehung» des Schweizerischen Bundes für Elternbildung. Es wurden acht Grundsätze genannt, die gute Erziehung ausmachten. Zuoberst stand «Liebe schenken: Einem Kind Liebe zu schenken, bedeutet, es anzunehmen, wie es ist, und ihm das auch zu zeigen. Kinder und Jugendliche brauchen dieses Gefühl der Geborgenheit, um Selbstvertrauen zu entwickeln und angstfrei ihre Stärken und Schwächen kennenzulernen.»

Martin Inversini, der langjährige Erziehungsberater, sagt: «Kinder brauchen von A bis Z jemanden, der sich ihnen bedingungslos freundlich zuwendet, zärtlich und gefühlvoll. Sie brauchen verlässliche Eltern, die berechenbar da sind. Unzuverlässigkeit, da sein und dann doch nicht, versprechen und nicht einhalten, das ist für ein Kind sehr schädlich.»

Zuhören und sich Zeit nehmen

Eigentlich auch eine Banalität. Doch wie oft hören wir wirklich richtig hin? Christin Aannerud gibt Kurse mit dem Titel: «So reden, dass Kinder zuhören, und so zuhören, dass Kinder reden». Der Zulauf ist gross. Eltern wollen wissen, wie sie mit ihrem Kind reden sollen. Oft geht es darum, dass das Kind nicht spurt oder gehorcht oder, wenn es älter ist, nichts von sich erzählt und sich abkoppelt.

«Ich erlebe, dass das richtige, aktive Zuhören für viele Leute sehr schwierig ist», sagt Aannerud. Zwischen Kochen und Abwaschen sagt die Mutter: «Jaja, ich höre zu.» Nur wem richtig zugehört wird, der fühlt sich angenommen. Man sollte sich dem Kind, das etwas erzählen will, zuwenden, vielleicht zu ihm runterknien, mit ihm absitzen. Aannerud sagt: «Wer sein Kind ernst nimmt, wird auch eher gehört.» Wer sich mit dem Kind auseinandersetzt, auch Unangenehmem nicht ausweicht, hat eine echte Beziehung und wird es später in den schwierigen Jahren der Pubertät einfacher haben, den Zugang nicht zu verlieren.

Kathie Wiederkehr erzählt von einer Mutter, die klagte, es stinke ihr so, mit ihrer Tochter basteln zu müssen. Wiederkehr schlug vor, sie solle sie doch beim Kochen mithelfen lassen. Die Mutter: «O nein, allein geht das viel effizienter.» Was sicher stimmen mag. Doch verwehrt man dem Kind damit «eine schöne Alltagserfahrung», so Wiederkehr. Sie habe ihrem Sohn früher immer gesagt: «Komm, du musst mir kochen helfen.» So dass er als kleines Kind das Gefühl hatte, seine Mutter schaffe es nicht ohne ihn, was ihn riesig stolz machte. Entsprechend früh habe er für die ganze Familie gekocht.

Auch der Kinderpsychologe Remo Largo, dessen Bestseller «Babyjahre» und «Kinderjahre» für viele Eltern unverzichtbare Ratgeber sind, schreibt: Spielsachen seien das eine, viel wichtiger aber sei es für Kinder, im Alltag mithelfen zu dürfen. Auch wenn dann alles
etwas länger geht.

Klarheit, Übersicht und Regelmässigkeit

«Kinder haben das Bedürfnis nach Übersicht und Zusammenhang», sagt Martin Inversini. «Sie leiden im Chaos, in der Unberechenbarkeit, in der Unübersichtlichkeit. Wenn solches zu lange dauert, nehmen sie Schaden.» Mit Chaos ist gemeint: unstete Beziehungen, immer neue Leute, die zum Kind schauen, neue Partner der Eltern. Gemeint sind aber auch unregelmässige Tagesabläufe. Kinder fühlen sich sicher, wenn Ordnung ist in den Dingen. Wenn der Tag nach einem gleichbleibenden Zeitmuster abläuft. Wenn klar ist, wie was geht. Das fällt einem etwa dann auf, wenn die Kinder nicht mit dem Essen beginnen wollen und rufen: «Mami, wir brauchen noch das Lätzli!»

Petra Gassmann ist Mutter eines zweieinhalbjährigen Buben und eines achtmonatigen Babys. Sie ist froh um feste Tagesabläufe mit einem Mittagsschlaf der Kinder und einem immergleichen Ritual am Abend: Schoppen trinken, Zähne putzen, Buch anschauen, Licht löschen, Musikdose aufziehen. «Das ist inzwischen so zur Gewohnheit geworden, dass wir nie ein Problem mit dem Einschlafen haben», sagt sie.

Geduld, Gelassenheit, langer Atem

Wer Kinder hat, weiss, dass die lieben Kleinen einen zur Weissglut treiben können. Pressiert’s, haben sie garantiert etwas ganz Wichtiges im Kinderzimmer vergessen und können darum die Schuhe noch nicht anziehen. Oder sie stellen fest, dass sich mit Birchermüesli und Löffel auf dem Tisch die tollsten Zeichnungen anfertigen lassen. Da ist ruhig bleiben nicht immer einfach.

Petra Gassmann arbeitet als Psychologin mit verhaltensauffälligen Kindern und ihren Eltern. Sie weiss, wie wichtig Gelassenheit ist. Dass die Eltern nicht ausrasten. Jetzt ist sie selber Mutter und hat sich vorgenommen, von ihren Kindern keine sofortigen Verhaltensänderungen zu erwarten. Sie rechnet bewusst mit längeren Zeitspannen. «Ich erwarte nicht, dass mein Sohn bei einem Nein immer sofort gehorcht. Sonst wird es destruktiv.» Sie bleibt einfach dran, bis es klappt. Morgen, übermorgen. «Das nimmt Druck weg und gibt Handlungsspielraum.» Sonst, befürchtet sie, schlage man sein Kind irgendwann. Und das, haben sie und ihr Mann sich vorgenommen, wollen sie nie. Das Baby Malin und der kleine Linus sind friedliche, fröhliche und ausgeglichene Kinder. Läuft es doch mal nicht rund, sagt Petra Gassmann vor dem Einschlafen zu Linus: «Gell, heute hatten wir Ärger miteinander. Morgen wird es wieder besser.» (Das hat sie einer Kollegin abgeschaut.)

Sie und ihr Mann sind auch keine «Trimmer», wie sie sagt. Nimmt Linus zum Essen das Gäbeli, gut; nimmt er die Hände, auch gut. Man lässt ihm seine Zeit. «So haben wir nie ein Theater bei Tisch.» Den beiden ist klar, dass «Kinder in ihrer eigenen Welt leben. Ich kann dreimal sagen, wir räumen jetzt das Zimmer auf. Das hat für ihn null Priorität. Für ihn ist es gut, wie es ist. Es sind ja alle Spielsachen da.»

Halt geben, Grenzen setzen

In der Biografie eines Kindes nimmt die Schule einen zentralen Platz ein. Martin Inversini sagt: «Auf die Schule hin muss man sehr bewusst erziehen. Man kann das verfehlen, und dann fehlt den Kindern das emotionale und soziale Rüstzeug, um vom Bildungs- und Entwicklungsangebot der Schule zu profitieren. Für die Schule braucht es eine Grundverträglichkeit und Grundanpassungsfähigkeit. Es braucht ein Regelbewusstsein. Das haben viele Kinder nicht.»

Und wehe, es läuft nichts. Da heisst es bald: Es ist langweilig. «Die Kinder sind sehr erlebnisorientiert», sagt Inversini. Es gebe heute in der Schule ein Mass an Verweigerung, das früher undenkbar war. Die Schule ist ein Ort, der autoritär vorschreibt, was geht: Man hat pünktlich da zu sein, der Lehrer bestimmt, was unterrichtet wird. Da wird es schwierig, wenn ein Kind gewohnt ist, überall mitzureden.

Kinder, die stören, so hat Inversini beobachtet, kommen häufig aus Elternhäusern, die emotional viel investieren. Aus intellektuellen Milieus, wo die Kinder zu allem befragt werden: «Ist es gut so?», «Hettisch gärn?», «Tätisch nöd . . . ?». «Ich habe das hundertmal erlebt, hier in meinem Büro. Das Kind geht voraus, und muss der Mutter zeigen, wo das Sprechzimmer ist. Diese sagt: ‹Wo willst du hocken?› Ich frage die Mutter: ‹Ist ihr Kind gesund?› Sie wendet sich zum Kind: ‹Bist du gesund?›» Das Kind wächst im irrigen Glauben auf, seine Meinung sei immer gefragt und es könne zu allem seinen Senf dazugeben.

Die Hinführung zur Schule beginne vom Wickeltisch weg, so Inversini. Es gehe um den Umgang mit Impulsen und Bedürfnissen. Das Kind lernt, dass es Grenzen gibt, Dinge, die einfach sein müssen. Dass nicht jeder Wunsch erfüllt wird. Die Broschüre «Fit für die Schule» der Erziehungsdirektion des Kantons Bern empfiehlt: «Geben Sie Ihrem Kind im Warenhaus nicht nach, selbst wenn es sich schreiend auf dem Boden wälzt. Ihr Kind hat es später leichter, wenn es schon früh gelernt hat, auf etwas zu verzichten und Enttäuschungen zu überwinden.»
Ein Tag mit Kindern lässt sich in Muss- und Darf-Situationen einteilen. Ein Muss ist: jetzt Zähne putzen, jetzt an den Tisch kommen, jetzt parat machen, weil wir zum Grosi gehen, jetzt ins Bett.

Und dann gibt es die Darf-Situationen. Die Eltern stecken den Rahmen ab, innerhalb dessen das Kind tun darf, was es will. Wichtig ist, dass dem Kind immer klar ist, in welcher Situation man sich befindet. Muss-Situatio­nen sind nicht verhandelbar. «Ein Muss wird einmal begründet, nachher nicht mehr», sagt Inversini. Auf keinen Fall dürfe man dem Kind die Illusion machen, es könne mitdiskutieren. Vielmehr müsse man ihm helfen, das Unangenehme zu tun. Auch wenn es aufbegehrt, wütend wird, widerspricht, klagt.

Dazu brauche es Präsenz und innere Festigkeit. «Ich bin erstaunt, wie viele Eltern bei kleinem oder grossem Widerstand gleich die Segel einziehen, wie schnell sie weggeblasen sind», sagt Inversini. Er rät, Kinder in Muss-Situationen quasi an der Hand zu nehmen, sie zu führen. «Komm, ich helfe dir, den Fernseher abzustellen. Das ‹Sandmännli› ist vorbei.» Manche Leute glauben, es reiche, wenn sie es einmal sagten. Oder sie waschen in der Küche Geschirr ab und rufen im Crescendo in die Stube: «Fernseher abstellen!» Was, natürlich, nicht passiert. Und dann fahren sie ein wie die Amerikaner im Irak – paff! «Das ist sehr unfair. Kinder brauchen unsere Präsenz, wenn sie etwas machen müssen, aber nicht wollen. Man kann sie nicht handhaben wie ferngesteuerte Autos. Sie fahren uns aus der Frequenz.»

«Elterliche Präsenz» ist auch in den Augen von Matthias Vogt zentral. Er leitet die Jugendberatung der Stadt Zürich und hat oft mit schwierigen Jugendlichen zu tun. «Es braucht Hartnäckigkeit, wenn Kinder sich verweigern. Eltern müssen diese Verweigerung zu verstehen versuchen und gleichzeitig signalisieren, dass sie dieses Verhalten nicht dulden.»

Ihm ist in den letzten Jahren aufgefallen, dass es an dieser Präsenz mangelt. Eltern haben Hemmungen, am Leben ihrer pubertierenden Kinder Anteil zu nehmen: «Er ist eh nur mit sich beschäftigt; es sind eh nur die Kollegen wichtig; wir sind nicht mehr gefragt», sagen sie. Man will sich nicht einmischen. «Das ist ein grosser Fehler», sagt Vogt. «Die Bedeutung der Eltern ist auch für Jugendliche sehr gross, grösser, als die Eltern meinen.» Sie mögen sich noch so cool geben, tief drin brauchen sie das Bewusstsein: Meine Eltern stehen hinter mir. Viele Eltern wenden sich aber gekränkt ab, wenn der Jugendliche sich schroff und abweisend aufführt. Und vermitteln dem Kind die falsche Botschaft: Die interessieren sich nicht mehr für mich.

Etwas zutrauen, Selbständigkeit fördern

Freiräume sind für Kinder wichtig. Sie brauchen Gelegenheiten, neue Dinge auszuprobieren und Fehler zu machen. Sie sind stolz, wenn sie etwas selbst können. Eltern sollen sich nicht in das Spiel ihrer Kinder einmischen. Und nicht immer für Unterhaltung sorgen. «Lassen Sie Ihr Kind in der Langeweile durchhängen», heisst es im Ratgeber «Fit für die Schule». Es wird auf neue – manchmal auch dumme – Ideen kommen.

Selbständigkeit ist wichtig. Ebenso, das Kind seinem Alter entsprechend in Entscheide einzubinden, es ernst zu nehmen. In den Augen von Martin Inversini wird damit aber übertrieben. Er spricht von einem «Selbständigkeitsfimmel» und von «überfragten Kindern». Selbständig sein heisse selber wollen, was man kann. «Ich sehe viele aufgeblasene Kinder. Die werden unterstützt, es sieht bloss so aus, als ob sie selbständig wären.» Schon vier- und fünfjährige Kinder würden mit Velos ohne Stützräder fahren. Man binde ihnen einen Helm auf den Kopf und gehe auf die Strasse. «Jenseits! Gegen ein Auto kann man nichts ausprobieren.» Kinder in dem Alter hätten noch nicht die für den Verkehr nötige Wahrnehmungsfähigkeit. Schon Zweijährige würden von ihren Eltern in den Circus Knie mitgenommen. (Die Autorin gehört dazu, das Ganze war ein Flop, dem Töchterlein wurde es nach fünfzehn Minuten zu viel. Dafür ging man Pony reiten. Dort hoben die stolzen Väter halbe Babys in die Sättel.) Inversini verweist auf ein Buch von David Elkind: «Das gehetzte Kind. Werden unsere Kleinen zu schnell gross?»

Auch Kathie Wiederkehr beobachtet, dass manche Eltern nicht wissen, was altersgerecht ist. Beispielsweise habe eine Untersuchung gezeigt, dass Eltern ihr Kind häufig deshalb schlagen, weil es das Zimmer nicht aufräumt. Und zwar Zwei- bis Dreijährige. «Die können das noch gar nicht alleine.» Umgekehrt werde manchen Kindern viel zu früh viel zu viel geboten: Filme, Heli-Flüge, Theater. «Die werden um ihr Kindsein betrogen.»

Was das vielgerühmte «Einbinden und Ernstnehmen» anbetrifft, hegt Inversini den Verdacht, dass dies nicht selten aus Bequemlichkeit geschehe. Man will kein Gestürm, hat nicht die Kraft, nein zu sagen. Pädagogikprofessor Jürgen Oelkers von der Universität Zürich sieht das anders. Klar dürfe man nicht alles durchgehen lassen. «Das machen die Eltern auch nicht. Aber verhandeln schadet nicht. Im Gegenteil: Die Kinder werden früh an etwas gewöhnt, was sie später können müssen.» Da, wo die Kinder beteiligt seien, sollten sie mitreden.

Die grössten Schwierigkeiten

So weit, wie man es machen müsste und nicht machen sollte. Doch fragen wir Eltern. Was ist für sie das Schwierigste am Kindererziehen? Jasmin Weirauch ist Mutter von drei Kindern im Alter von sieben, acht und zehn Jahren. Nach ihrem Erziehungsstil gefragt, antwortet sie lachend: «Wie ich es gern hätte? Oder wie ich es wirklich mache?» Sie findet es schwierig, konsequent zu bleiben im Alltag. Etwa beim Essen, wenn jedes Kind erzählen und berichten will, eines aufspringt, um etwas vorzudemonstrieren. Da fragt sie sich oft: «Wie kann ich Tischregeln durchsetzen, ohne dass dies auf Kosten der Atmosphäre geht?» Als sie ein Kind war, sprach der Grossvater ein Vaterunser, dann war Ruhe am Tisch. Ihre Kinder sollen mitreden dürfen.

Manchmal denkt sie, sie sollte strenger sein. Die zehnjährige Tochter sagt ihr Dinge, die sie ihrer Mutter nie zu sagen gewagt hätte. «Ich wüsste, wie ich es machen müsste. Aber ich mache es nicht immer. Weshalb? Weil ich nicht gern strafe.» Ein Beispiel: Ihr Sohn müsste eigentlich im Haus bleiben, weil er etwas angestellt hat. Doch dann ist es ein wunderschöner Nachmittag. Und sie wird schwach. «Ich bin vielleicht nicht die perfekte Mutter, aber das wäre ja langweilig.» Auch eine andere Mutter (sie hat zwei Kinder, einen neunjährigen Sohn und eine vierjährige Tochter) tut sich schwer mit dem Konsequentsein. Aber was tun, wenn man abends müde ist und die Kinder voll aufdrehen? «Wir haben tolle Vorstellungen, wie es pädagogisch richtig wäre, ziehen es aber nicht immer durch.» Sie wäre lieber ruhig wie ihr Mann, statt laut zu werden. Doch gerade morgens, wenn alles wie am Schnürchen gehen sollte – die Kinder in die Schule fahren und um acht Uhr im Büro sitzen –, ist das nicht immer einfach. Schwierig findet sie manchmal, es auszuhalten, wenn ihr Mann anderer Meinung ist. Wenn er beispielsweise den Kindern etwas erlaubt, was sie nicht erlauben würde. Doch: «Wer zuerst etwas sagt, dessen Wort gilt.»

Für Petra Gassmann ist der Gang in die Warenhäuser nicht immer einfach. Wo ihr Bub all die schönen Sachen und feinen Süssigkeiten sieht. Wie viel soll man geben, wie viel gehört einfach dazu, wann soll man nein sagen?

Die zweifache Mutter und Kinderpsychologin sagt auch: «Um es mit den Kindern gut zu machen, braucht es ein gewisses Niveau an Zufriedenheit und Wohlbefinden.» Deshalb raten alle Erziehungsfachleute den Müttern und Vätern: sich Zeit nehmen für sich selber. Sei’s beim Lesen eines Buches, beim Nachdenken, beim Yoga – oder auch nur beim Coiffeur.

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