Donnerstag, 29. September 2011

Mythos Mutter

Sie ist wissenschaftliches Objekt und Stammtisch-Politikum, gesellschaftliches Symbol und pädagogisches Relikt: Die Mutter wird studiert, seziert und gruppiert. Es vergeht kein Monat, in dem nicht irgendeine neue Studie oder Umfrage belegt, was Mütter sollten und möchten, was bereits Schwangere alles falsch machen und Mütter von Pubertierenden erwartet. Schluss mit diesem Unsinn!


Fragt man die Generation heutiger Grossmütter nach diesem Phänomen, lächeln sie einen etwas mitleidig an und geben zu: «Irgendwie hatten wir es einfacher. Damals gab es noch nicht so viele Ratgeber und schon gar kein Internet, das einem in Foren beibringen will, was eine gute Mutter ist.» Ich neige dazu, meine Grossmütter deswegen zu beneiden. Doch möchten wir wirklich zurück? Kaum eine moderne Mutter sehnt sich nach der Zeit, als Frauen keine Wahl hatten, ob und wie viel sie arbeiten wollten, damals, als eine Ehe noch gleichbedeutend war mit Heim und Herd. Wir wollen gute Mütter sein, doch wollen wir so sein wie unsere Mütter?

Dienstag, 27. September 2011

Sind Eltern humorlos?

Filme und TV-Shows über junge Eltern und Babies gibt es. Aber schaut sie auch jemand?

Jedes Jahr warte ich gespannt darauf, was die neue TV-Saison bringt. Als Serien-Junkie interessieren mich vorwiegend amerikanische Shows, die bekanntlich in den letzten Jahren enorm an Popularität und Qualität gewonnen haben. 

Aus beruflichem und privatem Interesse bin ich weniger erpicht darauf, die neusten Fälle weiss gekleideter Krimiwissenschaftler und Stirn runzelnder Gerichtsmediziner zu sehen, vielmehr interessieren mich Serien über den Alltag, das wahre Leben normaler Menschen. Der tägliche Wahnsinn von Männern, Frauen, Familien, Singles. Diesbezüglich haben uns die Amerikaner einiges zu bieten, wie auch die letzte Emmy-Verleihung gezeigt hat. 

Shows wie «Modern Family» räumen bei solchen Awards unter anderem deshalb ab, weil sie zeigen, was heutige Familien beschäftigt, wie sie Alltagsstrapazen überleben, vom fehlenden Handy-Empfang im Notfall über den Bau eines rosa Puppenhauses für die kleine Tochter. Mit den gezeigten Situationen und deren Wiedererkennung würde jedoch keiner einen Blumentopf gewinnen. Natürlich lassen das extrem witzige, schwule Elternpaar und der brummelnde Schwiegervater mit seiner atemberaubenden Latinofrau von Anfang an die Einschaltquoten hochschnellen. Herrlich zu sehen sind natürlich vor allem die Reaktionen, die den Schauspielern auf den Leib geschrieben werden. Denn selber wäre man in derselben Situation wohl kaum so schlagfertig, sarkastisch oder humorvoll. Ein Millionenpublikum erkennt sich wieder und erhofft sich, etwas davon im eigenen Leben wiederzufinden.
 
Doch mir fällt auf, dass dieser Mechanismus erst funktioniert, wenn die TV-Kinder schon grösser sind. Es ist extrem witzig, die zickige Teenagerin im Krieg mit der Mutter zu beobachten. Auch ist es zum Totlachen, wenn der achtjährige Klugscheisser Lebensweisheiten von sich gibt, während alle anderen die Augen verdrehen. Kinder sind lustig, und man kann über sie und ihre Eltern lachen. Nicht so bei Säuglingen oder Kleinkindern und deren Eltern. 

Filme und Serien, bei denen es um Babies und Kleinkinder geht, um ihre Eltern und deren Doppelbelastung, Alltagssorgen und volle Windeln, sind öde. Finde ich zumindest. Oder wer von Ihnen kennt den Film «Motherhood» mit Uma Thurman? «The other woman» mit Natalie Portman? «Little children» mit Kate Winslet? Das sind alles tolle Filme mit grossartigen Schauspielerinnen, die sich um  Mütter und ihre Sorgen, mit und ohne Kind, drehen. Keine Kassenschlager. Keine Monsterpromo. Ich habe sie zwar alle gesehen, einen Kino-Eintritt hätte ich dafür aber wahrscheinlich nicht bezahlen wollen. Denn irgendwie waren sie deprimierend, weil so realistisch. 
 
Kann es sein, dass wir Mütter unser eigenes, vielleicht als langweilig empfundenes Leben, nicht auch noch auf der Kinoleinwand oder im TV sehen möchten? 

Dies gilt meines Erachtens sogar für Comedy. In den USA startete diese Woche eine neue Serie «Up all night». Sie berufstätig, er «Wochentagspapi» (Stay-Home-Dad klingt schon sexier, nicht?), ein Baby, eine nervige Chefin, die 24/24-Präsenz verlangt. Was witzig klingt, könnte es sein, würde man sich nicht so sehr mit den Figuren identifizieren können. Und entsprechend zu sehr an das eigene «Leid» erinnert werden. 

Natürlich sind Witze über Windel-Krisen und Eltern mit Hangover lustig. Es sind Clichés – und Clichés kommen nicht von ungefähr. Sie spiegeln die Realität wider. All diese Dinge, die frisch gebackene Eltern erleben, sind irgendwie süss.  Der Charme verblasst jedoch sowohl im Fernsehen, wie auch im wahren Leben, wenn es zu viel des Guten gibt. Wenn Sie noch nie ein Baby gesehen oder gerochen haben, wenn Sie noch nie jungen Eltern begegnet sind und sich stundenlang Geschichten über den Nachwuchs anhören mussten, mag das alles noch witzig, neu und interessant sein. Doch ich würde behaupten, DIESE Zielgruppe ist nicht gross. 

Woran liegt dieses Desinteresse? Sind wir Eltern von Kleinkindern alle humorlos geworden, oder mögen wir uns einfach nicht mit unseren Defiziten auseinandersetzen, auch wenn sie noch so humorvoll interpretiert und wiedergegeben werden?

Montag, 26. September 2011

Mit Witz gegen Trotz

Der Landbote hat letzte Woche den Superdaddy und die Rabenmutter interviewt. Wir erfuhren, dass Väter sehr viel mehr an Sex denken als Mütter (soweit nicht viel Neues), dass Mütter keine Antwortmaschinen sind (schon gar nicht morgens vor dem ersten Kaffee) und dass Humor hilft! Aber lest doch einfach selber: 

"Mit Witz gegen Trotz", Der Landbote von Mittwoch, 21. September 2011.


Freitag, 23. September 2011

Ich will! Nicht!

Als Mutter einer knapp Dreijährigen frage ich mich fast täglich, was in ihrem Kopf vor sich geht. Es gibt Tage, da sind ihre Launen und Gedankengänge derart nicht nachvollziehbar, dass ich oft vor der Frage stehe: Spinnt jetzt sie oder ich?

So geschehen gestern morgen. Ich werde versuchen, hier einen chronologischen Ablauf der Geschehnisse darzustellen. Wenn ihr es nicht versteht, keine Angst, das meiste IST auch nicht verständlich...

Mami, Schoppe!
Mami, ich will zu dir ins Bett!
Ich muss sofort aus diesem Bett raus.
Was machemer hüt?
Ich will mich anziehen.
Nein, mit Röckli, keine Hose.
Aber diesen Rock mag ich nicht.
Wo gehen wir heute hin?
Yeah, Spielgruppe!
Z'Nüni mitnehmen!
Nein, keinen Apfel, nur Minipic!
Zwei Minipic!
Mag ich Minipic?
Ich will einen anderen Rucksack mitnehmen.
Nein, ich muss nicht Pipi.
Mami, Pipi, jetzt!
Nur Pipi, kei Gaggi.
Ou, jetzt doch Gaggi.
Yeah, Spielgruppe!
(Draussen vor der Tür)
Chumm, Mami, schnell, wir müssen gehen!
Ich will aber nach links!
Und mit dem Auto!
Rechts ist doch besser.
Chunsch jetzt?
Nei, nöd Spielgruppe! (Heul, schrei, brüll) 
Doch, will gehen!
Nein, Mami geh nicht weg!
Mami mitkommen!
Ich will in den Wald!
Ich will nach hause!
Ich will Nuggi!

Hallo? Das Fazit war, dass wir die Spielgruppe sausen liessen, nach Hause trotteten und sie den ganzen morgen wie die Muschel am Felsen an mir klebte. Und zufrieden war. 

Kann eine Dreijährige schon Hormonschübe haben? Oder werde ich hier einfach veräppelt? Ich will! Auch nicht!




Donnerstag, 22. September 2011

Was bedeutet Mutterschaft?

MutterschaftsURLAUB?
Für das Gesetz scheint dieser Begriff nur für leibliche Mütter zu gelten. Wieso eigentlich?

Vor etwas mehr als sieben Jahren, als mein Sohn zur Welt kam, gab es sie noch nicht – die Mutterschaftsversicherung. Zumindest nicht gesetzlich geregelt. Wenn Frau Glück hatte, war ihr Arbeitgeber kulant genug, ihr einen kurzen Urlaub von ein paar Wochen zu genehmigen, in denen sie  die Beziehung zu ihrem Kind und (wenn sie wollte und konnte) das Stillen zu üben. Ausserdem sollte sie sich in der Zeit ausruhen.
 
Ausruhen? Ja, Sie haben richtig gelesen. Auch der heutige, mittlerweile gesetzlich geregelte, Mutterschaftsurlaub wird vordergründig aus diesem Grund erteilt: Um sich von der Strapazen der Schwangerschaft und Geburt zu erholen. Das besagt ja schon das kleine Wort «Urlaub». 

Der Ausdruck und die Gesetzgebung müssen demnach von (kinderlosen) Männern geschrieben worden sein. Wie sonst erkläre ich mir, dass man bei einer frisch gebackenen Mutter davon ausgehen kann, dass sie sich in den 16 Wochen, in denen sie eine Lohnfortzahlung erhält, «ausruhen» wird? Oder, wie ich anlässlich meines Buches (Rabenmutter- die ganze Wahrheit über das Mutterwerden und Muttersein) ausgerechnet habe: «Ein Baby trinkt anfangs alle zwei bis drei Stunden, Dauer: mindestens dreissig Minuten. Schon die Nahrungsaufnahme des neuen Erdenbürgers kostet einen demnach bis zu sechs Stunden pro Tag! Hinzu kommen rund eineinhalb Stunden Wickeln und durchschnittlich eine halbe Stunde Spazierengehen. Fazit: Bei der nur rudimentären Säuglingsbetreuung gehen täglich bereits acht Stunden drauf! Ein Arbeitstag, sozusagen.» Was soll daran bitte schön «Urlaub» sein?

Ausruhen hin oder her, für den Gesetzgeber wurde die Mutterschaftsversicherung im Rahmen der Erwerbsersatzordnung kreiert und wird eigentlich als Krankheit behandelt. Ein Witz, wenn man bedenkt, dass Frauen dafür geschaffen wurden, und ein Kind gebären eben alles andere als eine Krankheit darstellt. Und es wird immer unverständlicher. Denn die, deren Uterus kein Kind heranwachsen sieht, und ein Kind adoptieren müssen, erhalten keinen bundesgesetzlich geregelten Mutterschaftsurlaub (Gemäss Fachstelle für Adoption zumindest in der Privatwirtschaft. Staatsangestellte haben höhere Chancen auf eine Pause). Weil sie ja nie schwanger waren und sich deshalb nicht zu erholen brauchen, sollten acht Wochen doch wohl genügen. Wie bei Vätern eben auch. 

Diese Frage beschäftigt zurzeit auch die Gerichte an der amerikanischen Westküste. Kara Krill arbeitete in einer leitenden Position und erfuhr nach der Geburt ihres ersten Kindes, dass sie keine weiteren haben könnte. Also entschieden sie und ihr Mann sich für das zweite Kind eine Leihmutter zu beauftragen. Ihr Arbeitgeber, der ihr nach der ersten Geburt 13 Wochen Mutterschaftsurlaub gewährte, weigerte sich bei den Zwillingen, dasselbe zu tun. Vielmehr erhielt sie dieselbe Anzahl Urlaubstage, die auch frisch gebackene Väter erhalten: Fünf Tage. Begründung: Sie habe das Kind nicht selber zur Welt gebracht.

Die Leihmutterschaft ist in der Schweiz zwar verboten, das Problem bleibt aber bei einer Adoption dasselbe. Was genau heisst Mutterschaft? Ist nur wer selber gebärt, eine «beurlaubungswürdige» Mutter? Geht es denn während dieser 16 Wochen nicht auch darum, der Mutter Zeit mit ihrem Neugeborenen zu geben? Wer bitte schön kann von einer frisch gebackenen Mutter verlangen, ihr sechs Wochen altes Baby fremd betreuen zu lassen? (Eine Adoption ist in der Schweiz frühestens ab der sechsten Woche möglich.) All diese Fragen gelten übrigens auch für Väter, es gibt heute keinen Grund anzunehmen, Väter hätten einen Vaterschaftsurlaub weniger verdient als Mütter. (Oder wie ein bekannter Vater vor Kurzen argumentierte: «Schliesslich haben wir während der neun Monate Schwangerschaft auch Strapazen durchlebt, wir mussten eine Schwangere aushalten!»)

Mit dieser Fragestellung konfrontiert, überlege ich mir sogar, ob eine Adoptivmutter nicht gerade, WEIL es nicht ihr Kind ist, NOCH mehr Zeit bräuchte, ihre Mutterschaft in der vollkommen neuen Situation zu «üben». Was meinen Sie? Sollte man zwischen leiblicher und Adoptivmutter unterscheiden? Wofür steht für Sie der Mutterschaftsurlaub?

Montag, 19. September 2011

Die 10 kleinen Unterschiede

Einkaufslisten, Abfallberge, Stromrechnung, Grippe-Tage... Wenn ein Kind kommt, wird alles anders.  

Von Nicole Althaus

Kinder brauchen Zeit, Nerven und Geld. Darüber wird überall und jederzeit geredet und geschrieben. Und es stimmt: Kinder stellen das Leben der Eltern auf den Kopf – aber eben auch die Blumenvase im Wohnzimmer. Nur werden die kleinen Unterschiede zum kinderlosen Haushalt meist unter den Tisch gewischt. Durchaus auch wörtlich. Und darum sitzt im Familienleben wie überall der Teufel im Detail:
  1. Rotwein, Ruccola und Rindsmedaillon? Mit Kindern ändern sich die Prioritäten auf der Einkaufsliste Richtung Ketchup, Klopapier, und Knackerli!
  2. Die Stromrechnung verdoppelt sich, denn seit Edison die Glühbirne erfunden hat, wurde noch nie ein Kind geboren, das nur einmal den Lichtschalter betätigt.
  3. Eltern müssen ständig Fragen beantworten. Auch frühmorgens schon und meistens solche, die sie erst gerade beantwortet haben.
  4. Im Badezimmerspiegel erkennt sich Mama bloss, weil sie ihr Baby im Arm hält. In Sachen Pflege gewinnt die Brut. Die ersten Jahre immer.
  5. Gebührenpflichtige Abfallsäcke werden zum gewichtigen Posten im Haushaltsbudget. Sie ersetzen die einstige Rücklage für Sport und Spass.
  6. Mutter verbringt so viel Zeit auf Toiletten wie früher im Ausgang. Meist um etwas abzuwischen. Und stets in Begleitung. Auch wenn sie mal selber muss.
  7. Niemand bereitet Eltern darauf vor, dass eine Kleinkindernase immer läuft, der Ärmel das Nastuch ersetzt und sie somit selber auch öfter krank sind, als das Arbeitsgesetz erlaubt.
  8. Das Wochenende erkennt man daran, dass am Sonntag die Milch ausgeht.
  9. Der mütterlichen Akku ist schneller leer, als der des iPhones. Im Unterschied zu letzterem wird mit dem Kind kein Ladegerät geliefert.
  10. Der Standby-Modus ist überhaupt das neue Lebensgefühl. Er gilt für Mama wie für Eimer und Wischmopp.Weitere Punkte bitte ergänzen...
Weitere Punkte bitte ergänzen...

Montag, 12. September 2011

Reporter ohne Grenzen

Darf ein Reporter Kinder in Abwesenheit der Eltern befragen?

Ein Sandhaufen, zwei Kinder, viel Spass. Könnte man meinen. Für einen Zwölfjährigen geriet der Sandhaufen zur tödlichen Falle, als er in den darin gegrabenen Tunnel hineinkletterte und der regenschwere Sand über ihm zusammenbrach. Trotz Rega und Notärzten verstarb der Kleine am nächsten Tag im Spital.

So ähnlich klang die Meldung der sda. Und so ähnlich war der Wortlaut in fast allen Zeitungen, die meisten Journalisten begnügten sich damit, zu informieren. Nicht so ein Schweizer TV-Lokalsender. Noch war gar nicht klar, wie es dem verunfallten Jungen denn ging, schon erschien ein Reporter im Dorf. Und kaum erklang die Schulglocke, passte er die Kinder auf dem Heimweg ab, um "mehr" über den Unfall zu erfahren. Übrigens sage die Pressemeldung ganz klar, dass nur der kleine Bruder des Opfers beim Unfall anwesend gewesen war. Was also sollten die Schulkameraden auf dem Heimweg von der Schule schon mehr wissen als die Reporter selber?

Nun arbeite ich ja auch für die Medien. Und ich bin nicht so naiv zu glauben, dass dieser Beruf das Wort "Ethik" mit einem besonders grossen "E" schreibt. Doch war ich allen Ernstes der Meinung, dass Eltern bzw. Erziehungsberechtigte ihr Einverständnis geben müssten, bevor man ein minderjähriges Kind befragen darf. Wenn ich im Fernsehen Passanten-Interviews sehe und Kinder zu einem Thema etwas sagen, dann ging ich immer davon aus, dass da nicht weit entfernt ein Erwachsener steht (den man vielleicht nicht im Bild sieht) und dieser vom Reporter gefragt wurde, ob er das Kind interviewen dürfe.

Auch wenn die Kinder von den Reportern nicht gefilmt wurden - denn solche ausgestrahlten Bilder unterstehen dem Persönlichkeitsrecht und bedürfen gesetzlich des elterlichen Einverständnisses – so muss man sich schon fragen, was diesen "dynamischen" Jung-Journalisten/Video-Reporter durch den Kopf geht, wenn sie Kinder auf dem Heimweg ansprechen, die offensichtlich bestürzt sind über eine solche Tragödie. Das hat mit Ethik und Justiz nichts zu tun, da geht es einfach um den gesunden Menschenverstand und um ein kleines bisschen Einfühlungsvermögen.

Im Zeitalter von Internet-TV, Twitter und Facebook, welche die Konkurrenz unter den Medien immer weiter entfacht, könnte man vielleicht denken, dass alles erlaubt sei, um die Menschen zu "informieren". Auch dass eine gewisse Sensationslust die Medien schon immer angetrieben hat, werde ich nicht bestreiten. Doch müssen unsere Kinder dafür herhalten? Sind denn nicht gerade sie schützenswert, wenn es darum geht, den tragischen Tod eines Freundes zu verarbeiten?

Beim Lokalsender angefragt, nahm man ausführlich Stellung dazu. Der Video-Reporter sei doch sehr freundlich gewesen und habe keinerlei Zwang ausgeübt. Er habe die Kinder ja nur fragen wollen, wie der Junge zum Vornamen hiess. Doch Kinder fühlen sich nun mal unter Druck, wenn ein Wildfremder in einer solchen Situation etwas von ihnen will. Trotz also angeblich guter Absichten wage ich zu behaupten, dass sich ein Boulevard-Sender wohl etwas mehr aus der Befragung erhofft hätte als nur den Vornamen des Opfers. Leider.

Donnerstag, 8. September 2011

... in die weite Welt hinaus


Heutige Mittzwanziger scheinen kein Interesse mehr daran zu haben, unabhängig zu werden. Sind am Ende wir Eltern daran schuld?

Erstmals online Oktober 2010

Diesen Sommer: Toy Story 3 mit unserem Grossen. Ein echter Familienfilm, der Humor reicht von «Tätsch, päng, bumm!» für die Kleinsten bis zur totalen Veräppelung von Barbies Ken, dessen Metrosexualität dem Film einen gewissen Glitzereffekt verleiht. Wirklich gute Unterhaltung.

Auch mit Emotionen und Tränendrüsen haben die Disney-Produzenten wieder einmal nicht gespart. Die für mich als Mutter aufwühlendste Szene war die, als Andy (der ehemals kleine Junge, dem all die Spielsachen – Toys – gehören) seine Sachen packt, um das traute Heim für das College zu verlassen.

Bei uns ist gerade mal die erste Primarklasse aktuell und doch denkt man bei solchen Szenen kurz darüber nach, wie es sein wird, wenn unsere Kinder das Nest verlassen. Weil sie auf Weltreise gehen, im Ausland studieren wollen oder einfach nur, um unabhängig zu werden. «Mami, das geht noch sooo lange!» beruhigt mich mein Sohn. Doch als er geboren wurde, dachten wir auch, es ginge noch sooo lange, bis er in die Schule käme. Und nun ist es so weit. Letzte Woche rührte er mich zu Tränen, als er morgens seinen Thek packte und loszog.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich freue mich jetzt schon darüber, wie selbständig meine Kinder sind und möchte unbedingt, dass sie einmal unabhängige und selbstversorgende Erwachsene werden. Schliesslich bin auch ich mit etwas über zwanzig ausgezogen, habe mein Studium abgebrochen, mir eine Wohnung gesucht und einen Job angenommen, von dem ich wusste, dass er nicht für’s Leben war. Aber ich hatte mein eigenes Geld und war – endlich! – unabhängig. Meine Eltern waren da natürlich knallhart. Ich musste von Anfang an für mich selber aufkommen, das wenige, das ich verdiente, ging vollends für Miete, Krankenkasse und meinen Kleinwagen drauf, aber trotz tiefroter Zahlen genoss ich diesen Zustand sehr. Meine Generation wollte ihr eigenes Leben leben.

Erst recht die Generation unserer Eltern. Sowohl meine Mutter wie auch mein Vater sind in ihren frühen Zwanzigern von zu hause ausgezogen. Ins Ausland! Die bescheidenen Verhältnisse, in denen sie aufwuchsen, weckten offensichtlich eine gewisse Neugier, die eben nur damit zu befriedigen war, mit eigenen Augen zu sehen, wie anderswo gelebt wird. Ganz nach dem Motto „Failure is not an option“ wurde das Rückreise-Ticket gar nicht erst gebucht. Sie sind bis heute nie wieder nach hause zurück, ausser zu obligaten Familienfeiern.

Die Ausnahmen, die diese Regel bestätigen, sind in meinem Umfeld dünn gest. Dazu gehören ein guter Freund, der sich sein Studium, sein Auto und alle anfallenden Fixkosten von seinen Eltern finanzieren liess, obwohl er einen gut bezahlten Nebenjob hatte. Dieses «Taschengeld» gab er für Parties und Ferien aus. Heute hat er zwar Frau und Kind, seine Eltern waschen ihm trotzdem wie eh und je die Wäsche und mähen alle zwei Wochen seinen Rasen.

Eine weitere Ausnahme meiner zur Unabhängigkeit drängenden Generation bildet meine italienische Cousine, die bereits vor zehn Jahren eine Wohnung mit ihrem Freund gekauft hat, dort aber immer noch nicht eingezogen ist, da sie ja noch nicht verheiratet sind (!). So wohnt sie weiterhin bei ihren Eltern in einer Zweizimmerwohnung und schläft in einem Schrankbett im Wohnzimmer. Ihr Freund übrigens auch, obwohl der wenigstens ein eigenes Zimmer hat. Da fragt man sich doch: Warum?

Vielleicht können uns die heutigen Twens diese Frage beantworten. Das New York Times Magazine titelte kürzlich «What Is It About 20-somethings?» und stellt fest, dass die heutigen Mittzwanziger scheinbar kein Bedürfnis haben, das elterliche Nest zu verlassen. Die fünf Meilensteine, in denen Soziologen unser Leben aufteilen, scheinen heute verschoben:

1. Ende der schulischen Ausbildung

2. Trennung von der Familie

3. Finanzielle Unabhängigkeit

4. Heirat

5. Elternschaft

Es ist gewiss nichts dagegen einzuwenden, Heirat und Elternschaft nach hinten zu verschieben, schliesslich studieren wir länger und können auch Mitte Dreissig noch Kinder kriegen. Die Punkte 2 und 3 jedoch stellen heute offenbar keine Meilensteine mehr dar bzw. erst zu einem viel späteren Zeitpunkt im Leben. Der Autor Robin Marant Henig vergleicht im NYT Magazine die Zahlen von 1960 und 2000: Damals hatten 77% der Frauen und 65% der Männer alle fünf Meilensteine bis zum 30. Alterjahr erreicht. 2000 waren es gerade noch die Hälfte der Frauen und nur ein Drittel der Männer.

Sogar renommierte Unternehmen haben sich dem Thema angenommen. www.byebyehotelmama.ch richtet sich an jene, die von zu Hause ausziehen und möchte ihnen diesen heutzutage offenbar so schweren Schritt erleichtern.

Wer ist „schuld“ am traurigen Mangel an Initiative? Sind es am Ende wieder einmal die Eltern, bei denen heute in allen erzieherischen Massnahmen die Angst mitschwingt, das Kind hätte einen nicht mehr lieb, wenn man a) mit ihm schimpft (mit fünf), b) es bestraft (mit 15) oder c) es rausschmeisst (mit 20)?

Es gibt auch die Ansicht, Twens wohnten im 21. Jahrhundert länger zu hause, weil ihre Eltern cooler seien. Sie tragen Freitag-Taschen und Tigers Turnschuhe, kennen dieselben Clubs und Bars und hören genauso Trip Hop und House wie der Nachwuchs. Doch ändert dies die Prämissen, dass man ab einem gewissen Alter seine eigenen vier Wände braucht, auch wenn diese mit fünf Mitbewohnern geteilt werden müssen? Und eben nicht mehr mit Mami und Papi?

Die häufigste aller Ausreden: «Sie können es sich nicht leisten», ist in meinen Augen das faulste aller Alibis. Ohne auf die guten alten Zeiten zu pochen, denke ich da an meinen Vater, der an schlechten Tagen nur ein Bier trank, statt eine richtige Mahlzeit zu sich zu nehmen. Starbucks und iPhones wären für ihn so unerreichbar gewesen wie der erste Schritt auf dem Mond. Auch ich leistete mir eine echte Lederhandtasche eben erst, als mein Lohn für mehr reichte, als nur Miete und Pasta. Die heutigen Nesthocker sind jedoch stolze Besitzer aller möglichen Gadgets, gehen in szenige (= teure) Restaurants und leisten sich Urlaub in Nepal.

Kann es sein, dass eine Verschiebung stattfindet, da wir sowieso alle älter werden und später in Pension gehen? Oder sind es eben doch alles überbehütete, wohlhabende Gören, deren Eltern es verpasst haben, sie zum richtigen Zeitpunkt an die frische Luft zu setzen zwecks beidseitiger finanzieller Unabhängigkeit? Denn wann werden sich die Jungen endlich um die Alten kümmern?

Neuste Erkenntnisse zum Thema heute im Mamablog.

Erstmals erschienen im wir eltern Blog.

Donnerstag, 1. September 2011

Rabenmutter und Superpapa

Die nächste Lesung dürft ihr nicht verpassen! Anlässlich der Ausstellung von Orell Füssli  "Das begehbare Buch" werde ich zusammen mit Sven Broder, Autor von "Papa steht seinen Mann" im ehemaligen Kino "Razzia" im Zürcher Seefeld lesen und diskutieren. UND wir verlosen 3 x 2 Tickets!

Ein Schlag-Abtausch über "die Kunst, Vater zu sein und Mannsbild zu bleiben" bis hin zur tatsächlichen "Wahrheit über's Mutterwerden und Muttersein". Denn mal ehrlich, wieso weckt ein Papa auf dem Spielplatz den Jöh-Effekt, während Mütter sich gegenseitig begutachten, um zu sehen, wer die "bessere" Mutter ist? Und sind neue Unterhosen wirklich das Allheilmittel gegen Eheprobleme? Was ist hingegen mit Kosenamen, töten sie die Libido? Solche und viele weitere Fragen werden an diesem Abend beantwortet (oder auch nicht).

Das wollt ihr doch nicht verpassen, oder? Ausserdem ist der Veranstaltungsort einzigartig. Das ehemalige Kino Razzia, 1922 als eines der ersten Zürcher Kinos erbaut, hat eine turbulente Geschichte hinter sich. Bevor das denkmalgeschützte Kino Razzia umfassend renoviert wird, habt ihr die Gelegenheit, das ehrwürdige Gebäude ein letztes Mal im Originalzustand zu geniessen. 

Ich würde mich sehr freuen, viele von euch da zu sehen!

Du bist eine Rabenmutter, wenn... Schicke deine Rabenmutter-Anekdote an nath@rabenmutter. Die beste Geschichte gewinnt 2 Tickets für die Lesung!

Sonntag, 11. September, Kino Razzia in Zürich. 

Vollständiges Programm "Das begehbare Buch" von Orell Füssli.

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