Donnerstag, 12. Juni 2014

Der Jolie-Effekt


Der Medien-Coup vor einem Jahr brachte Angelina Jolies amputierte Brust an die Öffentlichkeit. Davon profitieren alle.

Sie erinnern sich bestimmt an den medialen Sturm, den Angelina Jolie vor etwa einem Jahr auslöste, als sie bekannt gab, dass sie sich die Brüste hatte entfernen lassen, da sie genetisch bedingt ein sehr hohes Risiko in sich trug, genau wie ihre Mutter an Brustkrebs zu erkranken? Die Empörung bei vielen Frauen war gross, das Risiko null gäbe es nicht und man solle doch die Natur machen lassen etc. war die meist gehörte Kritik an Jolies profilaktischen OP.

Nicht erst seither, aber durch die Berichterstattung wieder verstärkt, hatte ich mir etwas Ähnliches überlegt: Meine Mutter ist vor ein paar Jahren an Eierstockkrebs erkrankt und hat wie durch ein Wunder überlebt. Eierstockkrebs wird meist sehr spät – zu spät – entdeckt, weshalb es in den meisten Fällen tödlich endet.  Ein Ovarialkarzinom kann genetische Gründe haben, genau wie Brustkrebs. Wieso also nicht untersuchen lassen, ob der Krebs meiner Mutter genetisch bedingt und ich entsprechend gefährdet bin? Und wenn ich den Gedanken weiterspinne, war es für mich ziemlich naheliegend, dass wenn das Ergebnis der Untersuchung positiv und ich gefährdeter sein sollte als der Durchschnitt, ich mir die Eierstöcke entfernen lasse. Wer braucht die schon, wenn die Familienplanung abgeschlossen ist? Die Verhütung wäre so auch gleich geklärt.

Ein Schatten seiner selbst
Bevor Sie mich jetzt dafür kritisieren, dass ich der Natur ein Schnäppchen schlagen wollte: Haben Sie schon mal miterlebt, was Krebs mit einem macht. Hautnah? Die Behandlung macht aus dem Menschen, der man war, ein Gespenst, ein Schatten seiner selbst. Die Nebenwirkungen von Chemotherapien sind für viele genauso schlimm wie der Krebs selbst. So ist beispielsweise der Haarverlust nicht nur eine Frage der Eitelkeit. Die Haare auf dem Kopf büschelweise in der Hand zu halten kommt einer Entblössung gleich, die sehr traumatisierend wirken kann. Ausserdem fallen ja nicht nur die Kopfhaare aus, auch Wimpern und Augenbrauchen sind plötzlich weg und man sieht noch kränker aus, als man sich fühlt. Ganz zu schweigen von der total fehlenden Energie und dem Lebenswillen, der einem zeitweise abhanden kommt. Ich habe das bei meiner Mutter hautnah erlebt und schätze mich glücklich, sie immer noch zu haben. Doch meine Kinder sind definitiv noch zu klein, um diese nagende Angst um Mama haben zu müssen, wenn ich es verhindern kann. Und mit einer OP könnte ich das. Ob mich eine andere Art von Krebs heimsucht, ist dann eine andere Frage, aber ein berechenbares Risiko aus der Welt zu schaffen, scheint mir nur logisch. Oder wieso tragen wir Helme und Sicherheitsgurte?


Gesagt. Getan. Den Test meine ich. Er ist negativ. Will heissen: Der Krebs meiner Mama war nicht genetisch sondern nur Pech. Ich habe die Genmutation also auch nicht und laufe nur minim mehr Gefahr, an dieser Art Krebs zu erkranken, als der Schweizer Durchschnitt. Also keine Eierstock-Entfernung.

Bewusstsein für Brust- und Ovarial-Krebs gefördert
Dennoch bin ich der Jolie dankbar. Dafür, dass sie das Thema an die Öffentlichkeit gebracht hat. Nicht nur, weil wir Frauen uns jetzt vielleicht bewusster abchecken lassen, sondern auch weil die Krankenkassen heute eingesehen haben, dass Prävention besser ist als teure Behandlungen, und die Gen-Untersuchungen bezahlen. Das war nämlich gemäss unserer Genetikerin vor zwei Jahren noch nicht der Fall. Und das sagt nicht nur sie, Onkogenetiker auf der ganzen Welt sind der Meinung, dass Jolies Aussagen dazu beigetragen haben, bei Frauen, die sich vorher nie untersuchen liessen, ein gewaltiges Bewusstsein für Brust- und Ovarial-Krebs gefördert zu haben.


Ob und wie man profilaktisch gegen eine tödliche Krankheit angehen will, ist jeder Frau selber überlassen. Die Möglichkeiten selber sollten aber nicht in die öffentliche Kritik geraten. Fragen Sie doch eine krebskranke Person, wie es ist, die Krankheit zu bekämpfen. Es wird Ihnen die Augen öffnen.

Kommentare:

Lorelai hat gesagt…

Darf ich fragen, wo man sowas testen kann und was es kostet? Meine Mutter ist vor ein paar Jahren an den Folgen des Brustkrebses gestorben. Ich habe das alles auch hautnah miterlebt. Dieses Jahr sind in meinem (kleinen) Land 2(!) praktisch gleichaltrige Frauen (32, 33 Jahre alt) an Brustkrebs gestorben (die eine schnell weil der Krebs extrem aggressiv war, die andere hat lange gekämpft). Eine Kollegin sagte letztens deswegen zu mir: also wenn bei mir Brustkrebs diagnostiziert wird, lasse ich mir die Brüste amputieren. Ob das überhaupt hilft, weiss ich nicht da der Krebs ja auch die Lymphdrüsen befallen kann oder bis unter die Achseln. Metastasieren auf andere Organe sowieso (bei meiner Mutter die Lunge...). Man kann nicht genug mit der pinken Schleife winken und Frauen jeden Alters daran erinnern, sich regelmässig abzutasten!

Nathalie Sassine-Hauptmann hat gesagt…

Liebe Lorelei.

Krebs ist eben leider in jeder Familie vertreten und wenn deine Mutter Brustkrebs hatte, würde ich zu einer Genetikerin gehen, so wie ich. Die wird dich über die genetischen Zusammenhänge - falls welche bestehen - aufklären und dann erstmal dein Blut testen.

Viel Glück!

Lorelai hat gesagt…

Danke! Ich weiss gar nicht, wie ich so eine in meiner Umgebung finden kann. Die KK bezahlt diese Konsultation sicherlich nicht, oder? Ich gehe jährlich zum Check beim FA und stille noch (lange, nicht wegen dem Krebs allein aber es ist doch ein toller Nebeneffekt, dass es das Risiko ein wenig senkt...)

rabenmutter.ch abonnieren