Mittwoch, 21. Januar 2015

Wer will schon Vaterschaftsurlaub?

 



Bastien Girods Vorstoss stösst auf erstaunlich viel Unverständnis. Ausgerechnet seitens der Väter!

Das Interview im Tages Anzeiger mit dem Titel «Vier Wochen Vaterschaftsurlaub müssen sein» mit dem grünen Zürcher Nationalrat und «Neo-Papa» Bastien Girod provozierte viele Reaktionen. Naiv wie ich bin, dachte ich mir vor dem Klicken auf die Kommentare, es müssten sich dabei um durchaus positive ebensolcher handeln, schliesslich kann niemand etwas dagegen haben, wenn 2015 die Väter gleich von Anfang an präsenter sind. Falsch gedacht. 

Die Hostilitäten, mit denen das Interview kommentiert wird, liest sich, als kämen sie direkt aus den 50er-Jahren. Sie wissen schon, die gute alte Zeit. Als es noch kaum Kühlschränke und Waschmaschinen gab, die Kinder noch mit dem Rohrstock geschlagen wurden und Väter eben noch nie etwas von einem Vaterschaftsurlaub gehört hatten (Mütter von der Mutterschaftsversicherung auch nicht, aber das ist eine andere Geschichte). Es sind fast ausschliesslich Männer/Väter die kommentieren. Ihr Alter steht leider nicht, man erhält beim Lesen aber den Eindruck, ihre Kinder seien bereits vor 20 Jahren ausgezogen und sie hätten noch nie mit ihren Frauen darüber geredet, wie es gewesen sei, so ganz alleine ohne Mann mit Baby zu hause.
Es lassen sich sogar diverse Kategorien bezeichnen: 

Der «Kinder-kriegen-ist-Privatsache-Typ»:
«Lieber Herr Girod, machen Sie sich selbständig, dann haben Sie die Möglichkeit, Ihren Vaterschaftsurlaub soweit auszudehnen, wie es Ihnen zusagt.» 

Es ist schliesslich bekannt, dass Selbständige sowieso nicht richtig arbeiten, also können sie auch gleich um ihre Kinderlein kümmern, die sie ja schliesslich selbst gewollt haben und jetzt gopfertoori auch selber schauen können, wie sie damit fertig werden. 

Der paranoide Fremdenfeind:
«Mit dem Vaterschaftsurlaub wird es für Einwanderer aus Entwicklungsländern noch attraktiver in der Schweiz eine Grossfamilie zu gründen, die horrenden Integrationskosten darf später wieder einmal der Steuerzahler berappen.
Familienplannung darf nicht zum Geschäftsmodell für Einwandererfamilien aus Entwicklungsländern werden!» 


Denn Wirtschafts- oder Kriegsflüchtlinge kommen nur in die Schweiz, weil sie ihrem Baby nach der Geburt vier Wochen lang nachts den Schoppen geben dürfen. Schliesslich sind Migranten für ihre Arbeitsteilung mit der Mutter bekannt. 

Der «Das-ist-ein-Nicht-Thema-Typ»:
«Achtung ! Herr Bastien Girod möchte sich mit diesem Vorstoss für die kommenden Wahlen ins Gedächtnis seiner Wähler zurückrufen. Mehr ist es nicht.» 

Herr Girod hat sich das alles aus der Nase gezogen, Vaterschaftsurlaub ist nicht real, es ist bloss ein Wahlkampfthema.

Der «Aber-das-will-doch-keiner-Typ»:
«Bin mir nicht mal sicher, ob tatsächlich die Mehrheit der Väter 4 Wochen zuhause sein will!» 

Da hat er wahrscheinlich nicht mal so Unrecht. Denn, wie wir wissen, hat der Vaterschaftsurlaub mit Urlaub nichts zu tun. Sehr oft sind die Tage im Büro ruhiger, angenehmer und vor allem spannender als ein Tag mit Windeln, Schoppen und Spaziergängen mit einem langweiligen Baby, das nur vor sich hin brabbelt. Gut also, dass es kein Zwangsurlaub ist.

Es ginge auch so
Es gibt aber auch durchaus vernünftige Stimmen, die an die Vernunft apellieren. 

«Lieber 4 Wochen Vaterschaftsurlaub, dafür 4 Wochen weniger Dienst im Militär. Dann mache ich wenigstens etwas sinnvolles für des EO-Geld und liege nicht nur rum.
Übrigens: Dänemark und Schweden habe nur je ca. 20'000 aktive Soldaten inkl. Marine, die Schweiz 140'000 und Schweden ist z.B. 10x grösser u. Geld wäre also schon vorhanden man muss es nur am richtigen Ort abholen.»


«Kaum zu glauben, wie viele Männer hier gegen einen Vaterschaftsurlaub schreiben. Ob das wohl dieselben sind, die sonst immer von Männer-Benachteiligung schreiben?
Bei einer Geburtenrate unter 2 Kinder pro Frau kann ist das Ganze wohl locker zu bezahlen, oder? Es geht hier ja nicht um jährliche Abwesenheiten, sondern um 1, 2 oder 3 Mal pro Leben eines Vaters!»


«Warum nicht einfach in dem einen Jahr wo das Kind kommt den WK ausfallen lassen und dafür halt Vaterschaftsurlaub? Tadaaa, ohne zusätzliche volkswirtschaftliche Kosten 3 Wochen Vaterschaftsurlaub für alle.»

Leider gingen diese in der Flug negativer Kommentare etwas unter...

Was meinen Sie? Vaterschaftsurlaub ja oder nein? Wenn ja, wie lange?

Donnerstag, 8. Januar 2015

Generation F (wie Freiheit)

Illustration: Patrick Sassine


Nach dem gestrigen Attentat schreien wir alle nach Meinungsfreiheit. Doch soll diese wirklich für alle gelten?

„Ich will nicht, dass meine Kinder in einer solchen Welt aufwachsen.“ Das war das Erste, was mir durch den Kopf ging, als ich gestern die schrecklichen Nachrichten aus Paris vernahm. Illustratoren und Journalisten der Satirezeitung Charlie Hebdo, die erschossen wurden, weil sie es gewagt haben, sich auszudrücken. 12 Tote. Wegen Satire. Wegen Humor.

Ist diese Welt verrückt geworden? Nicht verrückter, als sie es in den letzten 20, 60, 100 oder 2000 Jahren war. Attentate gegen die Freiheit und Terroranschläge hat es schon immer gegeben. Man denke nur an die Kreuzritter, das dritte Reich, die R.A.F etc. Wieso trifft uns das gestrige Mordkommando also so hart? Wohl weil es in Frankreich passierte, der Bastion der Meinungsfreiheit. Aber sicherlich auch, weil die genannten Beispiele entweder schon lange her sind, oder es geschah nicht bei uns (in Paris geboren und mit einem französischen Illustrator verheiratet, ist Frankreich meine zweite Heimat). Aber fragen Sie mal Journalisten in Syrien, Libyen oder Nordkorea, wie frei sie sind. (Meinungs-) Freiheit ist ein kostbares Gut. Und viel zu oft vergessen wir, das wir diese Freiheit im Grunde geniessen. Bis gestern.
Das Problem mit der Meinungsfreiheit
Schon unsere Eltern dachten damals „Ich will nicht, dass meine Kinder in einer solchen Welt aufwachsen.“ Aber eigentlich ist das falsch. Meine Kinder sollen in dieser Welt aufwachsen. In dieser Welt, die eines Tages wieder frei sein soll. In der sie sagen, schreiben und singen können, was sie wollen. Wenn sie davon überzeugt sind, das Richtige zu tun.

Das Problem mit der Meinungsfreiheit? Auch Pegida, Islamisten, christliche Homophobe und der rassistische Vollidiot von nebenan dürfen dann sagen, was sie wollen. Will ich das?

Unbedingt! Denn auch das sind Meinungen. Und wenn wir sie nicht teilen, müssen wir uns halt damit auseinandersetzen. Sie bekämpfen. Mit Waffen! Mit grobem Geschütz, das ihnen die verdrehten Köpfe wegblasen wird:  Mit unserer Stimme, unserem Stift, unseren Tastaturen!
Zwischen Beleidigung und Satire
Meine Kinder sollen aber auch in einer Welt aufwachsen, in der sie wissen, dass ihr Nachbar, der Moslem, nichts, ABER AUCH GAR NICHTS, mit den Attentaten von gestern zu tun hat. Weder er noch seine Religion. Sie sollen in einer Welt aufwachsen, die unterscheiden kann zwischen einem Verbrechen und einer Religionslehre. Zwischen Verrückten und Gläubigen. Zwischen böse und gut. Zwischen Beleidigung und Satire. 

Dies ist die Welt, die ich mir für unsere Kinder wünsche. Für die 12 Menschen, die gestern im Namen der Meinungsfreiheit ihr Leben lassen mussten. Und für alle, die sich heute wieder mit Stift und Tastatur an ihren Schreibtisch setzen, um diese Freiheit zu verteidigen.

rabenmutter.ch abonnieren