Dienstag, 28. Juni 2016

Eltern, die Kinderzimmer-Polizei

Das Verschwinden des kleinen Pauls ruft wieder die «Wer-sind-die-besseren-Eltern-Trolls» auf den Plan.

Die Erleichterung war gross, als bekannt wurde, dass man den 12-jährigen Paul Schickling wieder gefunden hat. Zwar in Düsseldorf und offenbar von einem erwachsenen Mann entführt, aber immerhin. Er ist wieder da und physisch geht es ihm gut. Was er erlebt hat, ob der 35-jährige ihm etwas getan hat und was genau passiert ist, weiss man noch nicht genau. Aber wer die Schuld an der Entführung trägt, ist bereits klar. Das Online-Game Minecraft? Der kleine Paul? Der böse Computer? Auf keinen Fall. Das wäre ja daneben!


Viel einfacher ist es offenbar, die Eltern zu beschuldigen. Schliesslich haben sie nicht aufgepasst. Sie haben das einzige Gebot gebrochen, welches uns Eltern bei der Geburt unserer Kinder verkündet wurde: Du sollst dein Kind schützen.
Die Kommentar-Trolle standen sogleich auf der Matte, als der Kleine zurück war. Aber nicht nur. Auch die Medien selber äusserten sich dazu. Hier ein paar Beispiele:
«Darüber hinaus kommen die Eltern nicht darum herum, sich für die Freizeitgewohnheiten ihrer Kinder zu interessieren.» Als ob wir das nicht ohnehin täten!

«Was tun Eltern von Kindern die mehr im Netz als auf dem Bolzplatz leben? » Die polieren sicherlich ihren Porsche...
«Liebe Eltern, BITTE SPRECHT MIT EUEREN KINDERN, sie brauchen vertrauenswürdige und verantwortungsvolle Ansprechspartner - auch in den euch unangenehmen Dingen!» Ach sooo! Nicht nur bei den Bienen und den Blumen?
«Werden die Eltern überprüft, ob diese ihre Pflichten erfüllt haben?» Sie meinen, eine Überwachungskamera zu installieren?
Die Liste ist lang...
Denn gute Eltern wissen schliesslich immer genau, was ihre Kinder tun. Sie sind dafür da, ihre Kinder vor Gefahren zu bewahren, ungeachtet dessen, ob diese sichtbar sind oder nicht. Von der gefährlichen Kletterpartie, über die Streichhölzer bis hin zum unbekannten Mann, mit dem man nicht reden soll. Dass dieser sich als Kind ausgeben kann und sich vielleicht mit unserem Kind treffen wird, müssen wir voraussehen. Wir müssen genau wissen, mit wem unser Kind im Netz chattet, welches Spiel es gerade auf welchem Level und gegen welchen Gegner spielt.
Es darf doch nicht sein, das unsere Kinder auch mal ein paar Stunden nur für sich sind, meinetwegen um ein Computer-Game zu spielen! Wo kämen wir da hin! Wir bescheuerten Eltern!
Im Ernst: Wisst ihr IMMER, was euer Kind gerade tut, mit wem es chattet, welche Infos es bekannt gibt und warum? Das wage ich zu bezweifeln. Und das ist sicherlich auch gut so, auch ein 12-jähriger braucht seine Privatsphäre. Schliesslich predigt man uns dauernd, wir sollen unsere Kinder loslassen, damit sie sich prächtig entwickeln können. Im Wald spielen ist ok, am Computer eben nicht. Böse Menschen gibt es aber auch im Wald, oder nicht?
Ja, wir müssen/wollen/sollen unsere Kinder schützen. Doch das Einzige, was wir Eltern wirklich tun können, ist unsere Kinder auf Gefahren aufmerksam zu machen. Keine persönlichen Infos wie Namen, Wohnort, Schule etc. bekannt geben. NIE. Sich NIE mit Leuten treffen, die man nur aus einem Chat kennt.
Ihnen über die Schulter schauen? Sicher, ab und zu. Aber den Eltern – in diesem Fall Pauls Eltern, die unsägliche Ängste ausgestanden haben – die Schuld an einer Entführung zu geben? Das ist schlicht daneben. Oder was meint ihr?

Dieser Post erschien erstmals auf wireltern.ch

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